| Hannover, 17. Janr. 1868

Mein hochverehrter, lieber Freund!

Wie können Sie nur glauben, daß ich mich Ihnen gegenüber mit meiner medicinischen Weisheit aufspielen will – als „Autorität“ geltend machen. – Es ist ja nur der Wunsch, Ihnen nützlich sein zu können u. daß ich dies nicht in dem ganzen Umfange kann, wie ich möchte u. wie ich glaube, es auch verstände, wenn – ja „wenn“ u. „aber“ nicht wäre, das verbittert mir alle meine sonstigen Erfolge. – Daß ich Ihnen dies sage, ist eine Ungezogenheit, für die ich gezüchtigt zu werden mit – Demuth – erwarte. Um Ihnen indeß zu beweisen, daß ich wenigstens einige Berechtigung dadurch erworben habe über Ihre fatale Krankheit mir ein Urtheil zu erlauben, daß ich darüber gedacht habe, gestatten Sie mir folgende kurze Erklärung meiner Ideen, die ich indeß dem Urtheile sachverständigerer Collegen unterordne, denn ich selbst habe nie einen Carbunkel beobachtet, kenne ich nur von Anderen. –

Der Furunkel ist: Entzündung (circumscript) der Haut u. des Unterhautzellgewebes. –

Von den anatomischen Elementen der Haut interessirt uns hier nur das Corion, die Lederhaut, bekanntlich von großer Unnachgiebigkeit, während das Unterhautzellgewebe sehr locker u. nachgiebig ist. Entzünden sich beide Häute zu gleicher Zeit, so resultirt daraus, daß das Entzündungsproduct wegen der Straffheit des Corion u. der lockeren Beschaffenheit der subcutanen Zellgewebes eine konische Form annehmen muß, mit | der Spitze nach Außen, u. daß je nach der Heftigkeit des Processes, die Basis relativ größere Dimensionen annehmen muß – weil das mortificirte Bindegewebe eben wegen des größeren Umfangs, sich nicht aus der kleinen, äußeren Öffnung eliminiren kann.

a
 Zeichnung von Kugelmann. [Schließen]Abbildung Briefe/026_Zeichnung_Kugelmann.jpg
-- Corion
-- Bindegewebe
a – b furunculöse Entzündung. –
b   b   b

Ja, die Ausdehnung des Processes ist durch eben erwähnten Umstand bedingt, denn, der relativ langwierige Proceß der eitrigen Erreichung der Cutisschicht, welche die Basis der Furunkels bedeckt, ist begleitet von ansehnlicher Exsudatbildung im lockeren subcutanen Bindegewebe. – Eine außerordentliche Abkürzung der localen Erkrankung läßt sich erzielen, durch Spaltung der Cutis bis ins Unterhautbindegewebe. Dann kann sich der Bindegewebspropf eliminiren, welcher bislang der Ausstoßung vorfallen u. weitere Ausdehnung der Entzündung ist damit coupirt. – Dies habe ich an mir selbst u. vielen Anderen häufig erprobt, namentlich, daß der Schmerz, bewirkt durch Druck der Hautnerven zwischen Exsudatkonus im subcut. Bindegewebe u. Lederhaut sofort beseitigt ist, weil, durch den Einstich, diese Spannung aufhört. – Das also habe ich des öfteren selbst beobachtet. – Den „Anthrax“ habe ich nicht die Ehre persönlich zu kennen, was ich indeß von diesem erfahren habe giebt bei mir der Vermuthung Raum, daß dies ein, durch das Substrat modificirter Furunkel ist. Die Modification des Substrates vermuthe ich im ungenügender reproductiver Ernährung. – Während | also hier ebenfalls das Locale Leiden Incision indicirt, ist gleichzeitig im Allgemeinen auf zweckmäßige Diätetik des erkrankten Individuums im ausgedehntesten Sinne Rücksicht zu nehmen. –

Die Ursachen der Furunculose sind häufig nicht zu ermitteln. Bisweilen entsteht sie durch Überreizung der Haut, zB. nach forcirten Kaltwassercuren. –

Das sind die Ansichten, die ich mir theils durch Beobachtung, theils durch Nachdenken gebildet habe u. wenn ich irre, wird es freuen eines besseren belehrt zu werden, noch mehr, wenn Sie, lieber Freund, nie wieder Gelegenheit finden, an sich selbst hierüber kritische Studien zu machen. –

18/1 Gestern wurde ich gestört deshalb heute noch in Eile, daß Ihnen Herr Carl Coppel, Banquier, von hier, ein Vetter von Bertha Markheim, Dühring’s Schrift über Carey u. 2 Ihrer Photographien überreichen wird. Er reist morgen von hier ab. – Eine Bitte, lieber Freund! Empfangen Sie den jungen Mann freundlich u. lassen Sie sein geziertes Wesen Sie nicht irritiren; – ich weiß ja wie rücksichtsvoll Sie im Allgemeinen sind. – Der junge Mann hat zunächst das Verdienst Ihr Buch zu studiren, dann hat er vielfache Beziehungen von denen man eventl. Nutzen haben kann. So hat er mir bereits zugesagt, eine Besprechung Ihres Buches in die „Berliner Börsen-Ztg“ zu bringen, wenn er von England zurückkommt. – Unsere Parthei ist zu klein als daß man nicht „in Ehren“ jeden Anknüpfungspunct ergreifen müßte. Ich zweifle nicht, daß er ganz begeistert von Ihnen heimkehrt. Auch an Borkheim habe ich ihn empfohlen, der mir zugesagt hat, ihn gut aufzunehmen. – Dieser junge Mann hat sich durch eine Brochüre über eine schwedische Anleihe einen schwedischen Orden erworben; soll ein tüchtiger Finanzmann sein, sehen wir, was er uns vielleicht noch nützen kann. –

| Thünen’s: Der isolirte Staat pp hoffe ich Ihnen gegen Ende d. Mts. senden zu können. Es sind 4 Theile, der erste erschien 1842, der letzte 1863. –

Vorgestern besuchte mich ein Ungarischer Agent (?) Herr Kertbeny, von dem ich Ihnen einen Brief beilege. Ich weiß noch nicht was ich aus ihm machen soll, er sprach über alles Mögliche: Ungarische Revolution, u. Wilh. v. Kaulbach, Sulinamündungen, u. Petöfi , Oberst Banja u. Pferdebändigung, Louis Napoleon, Raceneinfluß, Ballet, ungarische Emigration, Cultur Asiens, 4stündige Unterhaltung mit Bismark etc. Einige Brochüren von ihm bringt Ihnen Coppel mit. – Haben Sie mir Instruktionen in Bezug auf Kertbeny zu geben? Kennen Sie ihn näher? –

Besten Dank im Namen meiner Frau u. Fränzchens für gesandte Photographien, die von Neuem den Wunsch erregt haben die Originale kennen zu lernen. –

Die mir versprochenen „persönlichen Anecdota“ hoffe ich nächstens zu erfahren. –

In dem Aufsatze Dührings über Ihr Buch fand ich ebenfalls als hervorstechendstes Symptom – Angst –, die sich hinter die Phrase verkriecht, man müsse erst sehen, wohinaus Sie wollten, was ja an u. für sich für die Kritik gleichgültig. – Ferner Ihre gründlichen historischen Entwicklungen, Ihre scharfe Logik einfach als „Methode“ darzustellen, ungefähr so als wenn Jemand zum Bahnhof geht u. sich um [nach] Berlin zu kommen in den Berliner Zug setzt u. dann ganz gewiß hinkömmt, was natürlich nicht geschehen würde, wenn er den Cölner zu bestiege. –

Kertbeny schickt mir eben noch eine Bibliografie seiner Werke, welche anbei. –

Wie immer herzlichst

Ihr
treu ergebener
LKugelmann
Dr
 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Freitag, 17. und Samstag, 18. Januar 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00532. Abgerufen am 25.10.2021.