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Maitland Villas

Mein lieber Herr Becker,

Sein Sie mir nicht böse, daß ich nicht schon früher für Ihren lieben, letzten Brief gedankt habe. Leider war der Grund meines Verstummens kein freudiger. Mein armer Mann liegt nämlich seit Wochen wieder an seinem alten, schweren, schmerzlichen u. durch die stete Wiederkehr, gefährlichen Leiden an Händen u. Füßen gefesselt darnieder. Nichts drückt ihn mehr darnieder als stets wieder von Neuem zum Nichtsthun verdammt zu sein, grade jetzt wo es so viel zu thun giebt, der 2te Theil verlangt wird u. kurz u. gut die Welt wieder anfängt zu brennen u. zu lodern, wenn auch einstweilen noch mit „griechischem Feuer Feuer“ u. nicht mit dem „rothen Hahn“. Die Faullenzer u. Nichtsthuer haben Kieß in den Taschen u. Gesundheit in den Knochen u. die Leute die der neuen Welt | angehören, mit Leib u. Leben schon für sie eingestanden haben, sind krank – arm u. so gehörig mit „hand cuffs“ versehen. „Shame, Shame“ wie die Engländer bei den Meetings rufen. Sie glauben nicht wie oft, u. mit welch’ inniger Verehrung u. Bewundrung mein Mann Ihrer gedenkt. Er hält Ihr Blättchen ganz entschieden für das beste u. wirksamste u. so oft wir aus unsrem heimischen Kindergarten oder vielmehr „Gartenlaube“ Kunde erhalten ruft er aus „Ach hätten die Deutschen mehr Männer wie den alten Becker!!“ Ich habe eben als interemistischer Sekretair an Schily geschrieben u. ihm den Brief des Mannes der sich zum Übersetzen anbietet, mitgeschickt. Moses Heß hatte sich nämlich durch Schily auch als Übersetzer angeboten u. wollte einige ballons d’essais vor | läufig im Courrier Français aufsteigen lassen. Nun haben wir aber lange von beiden Herrn nichts gehört u. gesehn u. die Sache wird nun durch den eben erwähnten Brief zum Klappen kommen. Heß wäre wegen seiner philosophischen Bildung u. seiner Orientirung in den dialectischen Spring u. Balancirkünsten manchen andern bloßen literalen Übersetzern vorzuziehn, andrer Seits ist aber unser mystischer Rabbi Rabbuni oft nicht ganz zuverläßig (nicht ganz kauscher) u. oft nachlässig, so daß man doch unrecht thät, seinetwegen andre Anerbietungen abzuweisen. Schily wird nun als chargé d’affaires auftreten u. sehn welcher der wahre Mann ist.

Ihr letzter Artikel über die Friedensbummler war ausgezeichnet u. bei Gott (der liebe Herr Gott kommt einem nolens volens immer wieder in den Mund u. in die | Feder, wenn er auch längst seinen Ehrenposten im Herzen verloren hat) der beste der uns bisher zu Gesichte gekommen.

Der „Gögg“ treibt sich noch immer in Propaganda Rutschfahrten hier herum. Der Borkheim hätte auch was Gescheuteres thun können, als ihm 100 Frs Reisespesen zu geben. Wenn ihm die Geldstücke so in den Taschen jucken u. brennen, laß er sie anders wo einschlagen u. zünden. Ich meine es gäbe bessre Dinge zu thun als diese Apostel zu unterstützen. Da ist der Amand anders abgefahren bei Engels in Manchester. Zu Ihrer Kurzweil theile ich Ihnen eine Stelle darüber aus Engels Brief mit.

„Dazu hatte ich gestern den Besuch des Ex-Dictators Gögg, welcher für die lächerliche Friedensligua reist, u. mir den Abend verdarb. Glücklicher Weise kam Schorlemmer (ein sehr bedeutender Chemiker einer von | „unsre Leut“) zufällig dazu, der sein blaues Wunder an diesem Stück Föderalrepublik erlebte; so was hatte er nicht für möglich gehalten. Das dumme Vieh ist durch die gedankenlose Repetition derselben Phrasen noch 10 Mal dummer geworden u. hat alle Berührungspunkte mit der Welt des gesunden Menschenverstandes (von eigentlichem Denken nicht zu sprechen) verloren. Außer der Schweiz u. dem Canton Badisch giebt es für diese Sorte noch immer nichts in der Welt. Er überzeugte sich indeß bald von der Wahrheit meiner Deiner ersten Antwort auf seine Aufforderung zur Unterstützung: daß, je weiter wir von einander wohnten, je weniger wir mit einander zu thun hätten, desto besser würden wir uns vertragen. – Er gab zu daß Blind in der Vogt Sache sich feig benommen sei aber doch ein braver Kerl u. er drohte sogar damit Dich u. Blind versöhnen zu wollen. | Vogt sei kein Politiker aber ein kreuzguter, braver Kerl der blos in den Tag hineinschreibe ohne je zu überlegen was – wenn wir 2 eine Stunde mit ihm zusammen wären würden wir schmolliren, daß er ein Bonapartist gab er zu, aber kein bezahlter. Darauf ich: ‚alle Bonapartisten seien bezahlt, es gäbe keinen unbezahlten u. wenn er mir einen unbezahlten aufweisen könne, so würde ich die Möglichkeit von Vogts Nichtbezahltheit annehmen, sonst nicht. Dies frappirte ihn, endlich aber entdeckte er einen – Ludwig Bamberger. Übrigens sagte er Vogt habe sei es fortwährend sehr schlecht gegangen, seine Frau sei ein Berner Oberlandsches Bauernmädel die er aus Tugend geheirathet. Der Schlauberger Vogt scheint diesen Esel gut hinters Licht geführt zu haben. Aber als Schorlemmer u. ich ihm erklärten daß Vogt auch als Naturforscher nichts geleistet, da hättest Du seinen Zorn sehn sollen. Hat er nicht popularisirt? Ist das kein Verdienst?“ 

| So weit Engels. Da zog er trocken ab. Nun sucht er sein Glück in andern Städten. Haben Sie nichts von Bakunin gesehn u. gehört. Mein Mann schickte ihm als altem Hegelianer sein Buch – kein Zeichen nah u. fern. Hat ers bekommen. Man kann all’ den Russen nicht recht trauen. Halten sie’s nicht mit „Väterchen“ in Rußland – so halten sie’s oder werden gehalten von „Herzens Väterchen Väterchen“ was am Ende auf eins heraus kommt. Gehoppst wie gesprungen.

Hier sieht es gut aus, die Engländer laufen aus Schrecken vor sich selber weg u. wenn wo einer einen Stopfen losgehn hört dann denkt er das ist griechisches Feuer, sieht er ein unschuldiges Schwefelhölzchen dann | denkt glaubt John Bull, halt das ist in Glycerin, Parafin, Nicotin u. Gott weiß was getränkt u. fängt an zu laufen, kurz alles läuft u. zuletzt laufen die echten Constables auch vor den falschen bobbies vor den sogenannten Specials, die jetzt mit ihren Bleistöcken die Straßen in Ordnung halten. Irrland ist an die Spitze des ganzen politischen Programms getreten, für Irrland brüllen die Engländer schon auf den Meetings es ist schon beinahe guter Ton geworden über die 7hundertjährigen Leiden des lieblichen Erins zu jammern – zu heulen u. das alles hat ein Schwefelholz u. ein Strick gethan. Wie leicht kann man die Herrn ins Bockshorn jagen!? Der kurze Schrecken vor physischen Mitteln hat mehr gethan als moralische Drohungen seit Jahrhunderten.

 

Zitiervorschlag

Jenny Marx an Johann Philipp Becker in Genf. London, nach Freitag, 10. Januar 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00523. Abgerufen am 19.09.2021.