| [1] | 1, Modena Villas, Maitland Park.

Mein lieber Herr Kugelmann,

Sie können nicht ahnen welch’ große Freude u. Überraschung Sie uns gestern bereitet haben u. ich weiß wirklich nicht wie ich Ihnen für all Ihre Freundschaft u. Theilnahme danken soll und nun gar noch für das letzte sichtbare Zeichen Ihres Andenkens, den göttlichen Vater Zeus, der nun bei uns die Stelle des „Christkindchens“ vertritt. Unser diesjähriges Weihnachtsfest ist wieder ein sehr getrübtes, da mein armer Mann von neuem an seinem alten Leiden krank darniederliegt. Es haben sich wieder 2 Ausbrüche gezeigt, von denen der eine bedeutend u. an peinlicher Stelle ist, so daß Karl zum Liegen auf einer Seite gezwungen ist. Hoffentlich werden | wir bald Herr über die Krankheit u. Sie werden im nächsten Briefe nicht mehr den interimistischen Privat-Secretair erblicken.

Wir saßen gestern Abend Alle zusammen in den untern Räumen des Hauses, nach englischer Einrichtung dem Küchenrevier von dem alle „creature comforts“ für die höheren Regionen ausgehn, beschäftigt den christmas pudding mit gewissenhafter Gründlichkeit zu präpariren. Da wurden Rosinen gekernt (eine sehr eklige, klebrige Arbeit) Mandeln, Orangen- u. Zitronenschalen fein zerschnitten, Nierenfett zu Atomen zerhackt u. aus dem ganzen Mischmasch mit Eiern u. Mehl ein sonderbares potpourri geknetet; da auf einmal klingelt es, ein Wagen hält vor der Thür, geheimnisvolle Tritte gehn auf u. ab, ein Geflüster, ein Rauschen zieht durch das Haus; endlich ertönt | es von oben „eine große Statue ist angekommen“. Wenn es geheißen hätte „Feuer, Feuer, es brennt“ die „Fenians“ sind da, so hätten wir nicht bestürzter, verwirrter heraufstürzen können, u. da stand er da in seiner kolossalen Herrlichkeit in seiner idealen Reinheit der alte Jupiter tonans, unversehrt, unbeschädigt (eine kleine Kante am piédestal ist etwas abgebröckelt) vor unsern starrenden, entzückten Augen!! In der Zwischenzeit u. nachdem die Verwirrung sich etwas gelegt hatte lasen wir dann Ihre uns durch Borkheim übersandten freundlichen Begleitschreiben u. nachdem wir Ihrer in herzlichster Dankbarkeit gedacht, begannen gleich die Debatten, wo wohl die würdigste Nische aufzufinden sei für den neuen „lieben Gott der da ist im Himmel u. auf Erden“. | Über diese große Frage sind wir noch zu keinem Resultat gekommen u. es wird noch mancher Versuch gemacht werden ehe das stolze Haupt seinen Ehrenposten finden wird.

Auch für Ihr großes Interesse u. Ihre rastlosen Bemühungen für Karls Buch danke ich Ihnen herzlich. Es scheint, daß die Deutschen ihren Beifall am liebsten in Stillschweigen u. gänzlichem Verstummen ausdrücken. Sie haben alle den Nölern tüchtig auf die Beine geholfen.

Sie können mir glauben, lieber Herr Kugelmann, daß wohl selten ein Buch unter schwierigeren Umständen geschrieben worden ist u. ich könnte wohl eine geheime Geschichte dazu schreiben die viel unendlich viel stille Sorgen u. Angst u. Qualen aufdecken würde. Wenn die Arbeiter eine Ahnung von der Aufopfrung hätten, die nöthig war dies Werk, das nur für sie u. in ihrem Interesse geschrieben | [5] | ist, zu vollenden, so würden sie vielleicht etwas mehr Interesse zeigen. Die Lassallianer scheinen sich am schnellsten des Buchs accaparirt zu haben, um es gehörig zu verballhornen. Schadet aber nichts. –

Nun noch am Schluß muß ich ein Hühnchen mit Ihnen pflücken. Warum reden Sie mich so formell sogar mit „gnädig“ an, mich einen so alten Veteranen, ein so bemoostes Haupt in der Bewegung, solchen ehrlichen Mit-Läufer u. Mit-Bummler?Ich hätte Sie u. Ihre liebe Frau u. Fränzchen, von denen mein Mann nicht aufhören kann, so viel Liebes u. Gutes zu sagen, so gerne diesen Sommer besucht, sogern Deutschland nach 11 Jahren einmal wieder gesehn. | Ich war in dem letzten Jahr viel leidend u. habe auch leider in der letzten Zeit viel von meinem „Glauben“, meinem Lebensmuth eingebüßt. Es ward mir oft schwer mich aufrecht zu halten. Da meine Mädchen aber eine große Reise machten – sie waren zu den Eltern Lafargue’s nach Bordeaux eingeladen – so ließ sich meine Rutschfahrt nicht gleichzeitig ausführen u. ich habe nun also die schöne Hoffnung für das nächste Jahr vor mir.

Karl sendet Ihrer Frau u. Ihnen die herzlichsten Grüße, denen sich die Mädchen aufrichtig anschließen u. ich reiche Ihnen und Ihrer lieben Frau aus der Ferne die Hand

Ihre
Jenny Marx
nicht gnädig u. nicht von Gottes Gnaden. |
 

Zitiervorschlag

Jenny Marx an Louis Kugelmann in Hannover. London, Dienstag, 24. Dezember 1867. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00503. Abgerufen am 16.11.2019.