| Mein lieber Herr Engels,

So oft ich Ihnen schreibe, habe ich für irgend eine Güte, eine Freundlichkeit, eine Gabe zu danken. Und so wieder heute für den Weihnachtshamper mit den köstlichen Rheinweinen für die ich ein besonderes tendre habe. Sie wissen daß der arme Mohr wieder an 2 Karbunkeln darnieder liegt, von denen der eine ziemlich hartnäckig u. an einer schlimmen Stelle ist, die den Mohr zum Liegen auf einer Seite zwingt. Indessen hoffen wir als alte Praktiker bald Herr über die Krankheit zu werden. Kaum war Ihr Weihnachtskorb entleert u. die Flaschen in gehöriger Rangordnung aufmarschirt, so hielt | ein Wagen vor der Thür, geheimniß volle Tritte ließen sich vernehmen, ein Flüstern u. Rauschen zog durch das ganze Haus, da plötzlich rief Lehnchen „eine große Figur ist angekommen“. Wenn es geheißen hätte „Feuer, Feuer“, die Fenians sind da hätten wir nicht bestürzter, verwirrter heraufstürzen können u. da stand vor unsern erstaunten Augen eine colossale Gypsbüste des Zeus von Otricoli in ihrer ganzen Herrlichkeit u. Reinheit. Kugelmann hatte meinem Mann diese Überraschung bereitet. Wir sind noch in voller Debatte wo wir die würdigste Nische für diesen griechischen Gott in unsrer Roccoco-Villa finden sollen. Jupiter tonans spielt diesmal bei uns die Rolle des Christkindchens.

| Borkheim schreibt heute daß Hofstetten in der Nummer vom 18ten in der Zukunft auf das „Eingesandt“ geantwortet hat. Er ahnt nicht von wem es kommt, ebensowenig kann man den Freund Engels in dem Frankfurter Blättchen erkennen. Ich habe Thränen gelacht über den Artikel. Welch’ ein echter deutscher Philister, u. gar ein lokaler Frankfurter Philister, läßt sich da ergehn mit seinem Krupp u. seinem Fritz Reuter. Es ist capital. Sie wären ein ganz famoser moderner Romanschriftsteller geworden, wenn es überhaupt der Mühe werth wäre für die Welt zu schreiben. Es scheint, daß die Deutschen ihre Bewundrung am liebsten im Stillschweigen u. gänzlichen Verstummen ausdrücken. Sie haben die alten Nöler aber aufgerüttelt u. ich bin nicht bange daß das Buch langsam aber sicher wirken u. sich Bahn brechen wird, | so daß zuletzt auch noch etwas „Tauschwerth“ in unsre Taschen kommen wird. Die Lassallianer waren etwas fixer im accapariren u. verballhornen als die Liebknechtschen Knoten. Es ist auch gut, daß Sie „unserm Wilhelmchen“ , der von unserm Braun in der Kölnischen verewigt ward, etwas Beine gemacht haben. Ich glaube er wird sich jetzt rühren; das geht aus seinem etwas patzigen Brief an Sie hervor. Sein Zeitungsunternehmen scheint mir schon vor der Geburt todt zu sein. Eine reine Illusion! –

Der Mohr u. das ganze Haus läßt Sie aufs Herzlichste grüßen u. ich bin in alter, treuer Freundschaft u. innigster Dankbarkeit

Ihre
Jenny Marx |
 

Zitiervorschlag

Jenny Marx an Friedrich Engels in Manchester. London, Montag, 23. Dezember 1867. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00501. Abgerufen am 16.11.2019.