| Den 11 Dzbr

Lieber Frederick!

In allem Wesentlichen stimme ich natürlich mit Dir überein; bloß in der praktischen Auffassung, nicht in Bezug auf den prinzipiellen Standpunkt kann eine Meinungsverschiedenheit obwalten. Ich gebe zu, daß Ihr in England einen bessren Überblick habt, und wünsche daher möglichst oft Signale von Euch zu bekommen; was aber die Details des Kampfs betrifft, so müssen dieselben Euch nothwendigerweise vielfach entgehen.

Nun zu den einzelnen von Dir behandelten Punkten: Kein Zweifel, durch die vorjährigen Ereignisse ist die Arbeit vereinfacht, aber zu gleicher Zeit ist sie auch erschwert worden. Ein paar Dutzend uneinige, wenigstens nicht ehrlich zusammenwirkende Feinde sind leichter zu überwinden, als Einer, der die Macht dieser paar Dutzend in seinen Händen konzentrirt. Wenn Pr. sich konsolidirt, wird es durch keine äußerliche Gewalt, auch nicht durch einen Aufstand (Revolution) im Gefolge der bevorstehenden Französischen Revolution umzuwerfen sein, sondern erst fallen, wenn das deutsche Proletariat herrschaftsfähig (durch Zahl und Intelligenz) geworden ist. Aber bis dahin hätten wir einige Menschenalter zu warten. Il faut corriger la fortune. Der historische Prozeß muß beschleunigt, Pr. an der Consolidation verhindert werden.

Ich gehe von der Ansicht aus, daß der Fall Pr.’s der Sieg der deutschen Revolution ist. Jetzt ist Pr. relativ schwach, schwächer als vor dem Krieg (was die Englischen Philister, die ebenfalls den Erfolgsgötzen anbeten, auch sagen mögen), deßhalb schwächer, weil die Hannoveraner, Sachsen, Schlesw. Holst. & zum Theil selbst die Kurhessen & Nassauer sich mit Wollust jedem Gegner Pr’s anschließen würden. Über diese Thatsache laßt Euch nicht täuschen. Wenn man diesen Haß anfacht, die Wunde stets offen hält, verhindert man die Consolidation Preußens und hat für jedes Ereigni? Kräfte zu Verfügung.

„Aber man darf nicht mit den Partikularisten liebäugeln“. Gewiß nicht. Noch weniger mit ihnen Allianzen machen, wie das z.E. die hannöverschen „Demokraten“ gethan haben. Eine solche Allianz für Sachsen habe ich entschiedenst zurückgewiesen. Daß die Sächsischen Junker mich richtig beurtheilen, geht schon daraus hervor, daß ich der einzige „Sozialdemokrat“, „Radikal-Demokrat“, oder wie man uns sonst nennt, bin, den sie bei beiden Reichstagswahlen auf Leben & Tod bekämpft haben. (Mein durchgefallner Gegner war ein Graf zur Lippe, nomen est omen – diese Lippen scheinen bloß dazu da, daß ihnen aufs Maul geschlagen wird.)

| Von der Misère der bisherigen Kleinstaaterei, und der Jämmerlichkeit der Fortgejagten bin ich wahrhaftig überzeugt, – Schade nur, daß Alles, was die Kleinstaaten ekelhaft machte – die Polizei- und Beamtenwirthschaft – geblieben, dagegen manches Gute verschwunden; und daß an Stelle der Fortgejagten ein Monarch getreten ist, verglichen mit dem sie noch gut erscheinen. Letztres ist ein Punkt, den Du nicht genug beachtest. Durch die Annexionen ist in den einverleibten Staaten das monarchische Gefühl gestärkt worden. Zum Glück kommt auf diese Landstriche nichts an. In Berlin – und darin stimmen wir überein – wird die deutsche Frage gelößt. Ich habe schon gesagt, daß ich mit den Partikularisten nichts zu thun habe, nichts zu thun haben will, aber soll ich, sollen wir darum die Spitze unsres Angriffs gegen diese, harmlosen, Leutchen richten? Das wäre ebenso wenig anständig, als klug. Den Besiegten und für immer Entwaffneten zu verhöhnen, wollen wir den tapfren Nationalliberalen überlassen. Zur Vermeidung von Mißverständnissen werde ich eine der nächsten Gelegenheiten im salva venia benutzen, meinen Standpunkt gegenüber den Partikularisten klar zu legen.

Anders ist es mit Östreich. Hier weichen unsre Ansichten ab. Ich gebe zu, daß ich die Adresse an den Wiener Gemeinderath hauptsächlich machte, um die Preußenfreunde zu ärgern (was auch gelungen ist), aber ich bin wirklich der Überzeugung, daß Östreich bei seinem 1789 angelangt, das heißt, daß die Revolution (vorerst unter monarchischer Eierschaale) dort zur ökonomischen und politischen Nothwendigkeit geworden ist, und daß, wenn nicht ein Stoß von Außen, ich meine von Frankreich kommt (Krieg Badinguets oder Revolution) in Östreich der Anstoß gegeben werden wird, was jedoch nicht verhindert, daß Berlin die Entscheidung giebt. Zur Orientirung über österreichische Verhältnisse empfehle ich Euch Prof. Dr. Richter, Mariahilf 8, Engelgasse, Wien. Über dieses Thema später mehr.

Über die Süddeutschen Föderalisten denken wir gleich. Aber ganz fern von ihnen kann ich mich nicht halten. Ihr habt in England auch mit Leuten zu gehn, die euch nicht konveniren. Politics like misery give you strange bed fellows. Nächstens haben wir in Bamberg eine Conferenz; ich habe schon brieflich kaltes Wasser auf die Grünschen Köpfe gegossen, und werde es mündlich noch gründlicher thun.

„Volksheer nach Schweizer Muster“. Nun, so schlecht ist die Sache nicht, jedenfalls brauchen wir einen Sturmbock, und das ist der beste – sind wir einmal am Ziel, dann thun wir, was uns gut dünkt.

Meine „rein negirende Haltung“ bezieht sich bloß auf den Reichstag. Ob ich darin fortfahre, ist mir offne Frage und werden wir darüber noch weiter sprechen. | Ich habe nicht von Zusammengehn mit der Bourgeoisie (die durchweg nat. lib.) sondern mit dem liberalen Bürgerthum, d.h. den Anhängern Jacobÿ’s etc. in Preußen gesprochen. Es kam mir schwer an, aber die traurige Schwäche und Hülflosigkeit der Arbeiter in Preußen läßt keine andre Wahl. Ich zwang übrigens Jacobÿ zu dem Geständniß, daß bloß von den Arbeitern (wenn sie etwas geschult sind) Entscheidendes zu erwarten ist. Vorerst können wir das sehr antibismarcksche Kleinbürgerthum & Handwerkerthum nicht entbehren. Selbstverständlich dürfen wir unser Parteiprogramm dabei nicht aufgeben.

Im salva venia war ich zwar gegen den Schweitzer’schen Vorschlag, der darauf hinauslief, – Bismarck die Arbeiterfrage in die Hand zu spielen und die Macht der preuß. Polizei noch zu vermehren, aber wir wollten eine Untersuchungskommission über die Lage der arbeitenden Klassen nach Engl. Muster beantragen; doch es kam nicht dazu, weil dieser „salva venia“ nicht einmal das Recht hat, derartige Commissionen zu ernennen, d.h. statt par distance zu riechen, auch nur die Nase wirklich in öffentliche Dinge zu stecken. Eine lange Pauke über die „soziale Frage“ wurde mir 2mal durch Schlußanträge in der Coalitionsdebatte geburkt. Sie wird aber noch losgelassen.

Wenn ich nun auch im Reichstag vorsichtig mit der „soz. Frage“ sein zu müssen glaube, so bin ich darum keineswegs gegen eine allgemeine theoretische sowohl als praktische Agitation. Auf dem Gebiet, wo ich Einfluß besitze, habe ich nach Kräften gewirkt. Leider kann ich, so lang mir ein Blatt fehlt, fast nur auf Sachsen & Thüringen, auch (durch den allg. Arbeiterverband) etwas auf Süddeutschland wirken. In Sachsen haben wir eine prächtige Organisation. Sämmtliche Vereine gehören uns. Und daß ich hier nicht mein Programm in der Westentasche behalten habe, erhellt aus den Epithetis, mit denen ich beim letzten Wahlkampf (in der Presse) geschmückt ward: Kommunist, Sozialist, Theiler, Advokat der Gütergemeinschaft, und o horror! der Weibergemeinschaft etc. Als praktisches Resultat führe ich die von mir ausgearbeitete Denkschrift der Sächsischen Arbeitervereine an die Regierung an, in der u.A. 10-stündige Arbeitszeit, Abschaffung der Kinderarbeit (ganz mit kommunistischer Motivirung) gleiche Vertretung der Arbeiter in den Gewerbekammern & Gewerbegerichten etc. etc. kurz alle jetzt möglichen praktischen Fordrungen des Proletariats aufs Schärfste formulirt sind. Leider ist die Schrift nur stückweise gedruckt, wir werden sie aber bei Gelegenheit veröffentlichen. Ursprünglich war sie der hiesigen | Handelskammer vorgelegt, die manches daraus in ihren Bericht aufnahm und dabei, durch uns genöthigt, Marx als ökonomische Autorität anzog, und auch später in einer gedruckten Erklärung seines „Capital“ respektvollst erwähnte.

Ich komme nun zu den 2 momentan brennendsten Fragen, dem Marx’schen Buch und – si magnis licet componere parva – unsrem Blättchen. Für die Verbreitung des „Capital“ konnte ich bisher nicht viel thun, weil ich es erst vor 5 Wochen bekam, und wenig Zeit zum Studiren hatte. Jetzt bin ich mit der ersten Lektüre durch, und Weihnachten wird die 2te vollendet sein und dann geht’s an die Propaganda. Einen Cÿklus von Vorlesungen über das Werk habe ich schon angekündigt, in allen Volks- und sonstigen Versammlungen werde ich davon reden, und in der Presse vorbohren. Contzen ist leider auf einer Hochzeitsreise, er kommt aber in 8 Tagen zurück und muß dann sofort eine Rezension schreiben. Ferner habe ich den oben genannten Richter aufgefordert, Lärm zu schlagen. Er hat in Wien sehr viel Einfluß. In der Schweiz haben auf meine Veranlassung mehrere Blätter die Einleitung gebracht. Wenn unser Blatt erscheint, werde ich zunächst Auszüge bringen, u.s.w. Die Sächsische Zeitung will den Artikel der „Zukunft“ abdrucken; Dr. Steinitz, Redakteur der Berliner Volkszeitung (!) hat mir, wenn er ein Exemplar bekomme, eine „Kritik“ versprochen. Mit Bezugnahme auf dieses mir gemachte Versprechen könnte man ihm wohl ein Exempl. zuschicken; auch dem Richter, wenn er etwas thun will.

Eine Probenummer werden wir wohl nicht geben; es nutzt nichts und kostet Geld. Lieb wäre mir, wenn ich einen Artikel 1 Tag vor Neujahr hätte. Fenisches wäre sehr willkommen. Leider haben wir sehr wenig Geld. Bei unsrer Organisation brauchen wir auch nicht viel; aber es fehlt noch am Nothdürftigsten. Sage mir also, wie viel Du dran hängen willst. Ich muß den Überschlag machen. Auch Borkheim hat etwas versprochen.

Deine Rathschläge betr. eines Zollparlaments werde ich nach Kräften befolgen, wie überhaupt alles, was Du über Behandlung der sozialen Frage sagst. Ob ich aber ins Zollparl. komme, ist noch nicht ganz sicher; ich habe nichts – arbeite ich doch contre le Roi de Prusse pour le Roi de Prusse – und meine Wähler, alles Arbeiter, sind jetzt in solcher Noth, daß ich auf gar keine „Diäten“ rechnen kann. Schon das letzte mal mußte ich mein Miethgeld in Berlin verzehren, und eine Lebensversichrungspolize auf 2000 reichstaler, die ich 4 Jahre lang gehalten hatte, fahren lassen. Aber Nous verrons!

Adieu. Schicke diesen Brief an M., und schreibe recht bald, auch wenn es bloß ist, um mir den Kopf zu waschen – eine Operation, die ich vertragen kann. Auch wäre mir ein Name für den innren Brief erwünscht. Grüße an Dich, M. & dessen Familie — —

Dein J.M. |
 

Zitiervorschlag

Wilhelm Liebknecht an Friedrich Engels in Manchester. Leipzig, Mittwoch, 11. Dezember 1867. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00480. Abgerufen am 24.08.2019.