| 11 Octob. 1867.

Lieber Kugelmann,

D’abord besten Dank  Siehe L. u. G. Kugelmann an Marx, 29.9.1867 und L.Kugelmann an Marx, 8.10.1867.
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für Ihre zwei Briefe
. Sie machen mir grosses Vergnügen, wenn Sie so oft schreiben als Ihre Zeit erlaubt. Nur müssen Sie nicht auf strenge Gegenleistung rechnen, weil meine Zeit schon ohnehin durch für die vielseitige Correspondenz, die ich nach verschiednen Seiten hin leisten muß, kaum hinreicht.

Zunächst, ehe ich auf  Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. Buch 1. Hamburg 1867.
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mein Buch
zu sprechen komme, etwas Vorläufiges oder ein vorläufiges Etwas. Ich fürchte, daß Borkheim malgré lui auf dem Punkt steht, mir einen sehr üblen Streich zu spielen.  [Sigismund Ludwig Borkheim:] Ma Perle Devant le Congrès de Genève. Par un Diplomate Prolétaire. Bruxelles 1867. – Siehe Marx an Engels, 4.10.1867 und 9.10.1867 sowie Erl. zu Marx an Engels, 4.9.1867.
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Er läßt seine „Rede zu Genf“ in 4 Sprachen drucken, französisch, deutsch, englisch u. russisch.
Er hat sie ausserdem mit einer barocken u. geschmacklos mit Citaten überhäuften Vorrede ausgestattet. Unter uns – und im Parteiinteresse – muß ich Ihnen nun reinen Wein einschenken. Borkheim ist ein tüchtiger Mann u. sogar homme d’esprit. Aber, wenn er die Feder in die Hand nimmt, Wehe! Aller Takt u. Geschmack fehlen ihm. Zudem alle erforderliche Vorbildung. Er gleicht den Wilden, die sich das Gesicht zu verschönern glauben, wenn sie es mit allen möglichen schreienden Farben tättowiren. Banalität und Kladderadatsch springen ihm immer zwischen die Beine. Fast jede Phrase setzt sich bei ihm instinktiv die Schellenkappe auf. Wäre er | nicht so grundeitel, so hätte ich die Publikation verhindern u. ihm klar machen können, wie es sein Glück war, daß man ihn   Zur Sigismund Ludwig Borkheims Rede auf dem Friedenskongress in Genf (siehe Erl. zu S. L. Borkheim an Marx, 5.8.1867) siehe Marx an Engels, 4.9.1867 und Erl. und S. L. Borkheim an Engels, 17.9.1867 und Erl.
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zu Genf nicht verstand,
sondern nur einige gute Points seines speech.  Als Marx die Arbeit an seinem Pamphlet „Herr Vogt“ (MEGA2 I/18. S. 55–339) begann, wandte er sich im Februar 1860 an den ihm damals unbekannten Sigismund Ludwig Borkheim und bat, ihm mitzuteilen, was er über eine unter dem Namen „Schwefelbande“ (siehe Marx an Engels, 8.12.1866) bekannte Flüchtlingsgesellschaft wisse, die 1849/1850 in Genf existierte. Am 9. und 12. Februar 1860 antwortete Borkheim mit zwei ausführlichen Briefen. Siehe MEGA2 III/10. Br. 131 und 140.
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Andrerseits bin ich ihm zum Dank verpflichtet wegen seines Auftretens in der Vogtschen Affäre
u. ist er mein persönlicher Freund. Es sind in seiner Rede etc einige Phrasen, die er // worin er mir angehörige Ansichten verkladderadatscht. Nun wird es für meine Feinde ( Marx bezieht sich auf die Notiz „Zweite Sitzung des Friedenskongresses <Korrespondenz>“ über den Kongress der Friedens- und Freiheitsliga (siehe Erl. zu S. L. Borkheim an Marx, 5.8.1867), die am 13. September 1867 in der „Neuen Zürcher-Zeitung“, Nr. 254, S. 1213/1214, veröffentlicht worden war und in der die Rede Borkheims als sein „von Kennern Herrn Marx selbst zugeschriebnes Exercitium“ genannt wurde. In dieser Notiz ist auch Carl Vogts Protest gegen Borkheims Angriffe gegen Schulze-Delitzsch erwähnt. Marx notierte auszugsweise Borkheims Rede nach dieser Nummer der Zeitung in seinem Notizbuch von 1866–1868, S. [9] (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 100; MEGA2 IV/18. S. 357). Siehe auch S. L. Borkheim an Marx, 30.9.1867.
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Vogt hat schon in der N. Zürcher Z. mich als den Geheimverfasser der Rede angedeutet)
ein sehr schönes Spiel sein, statt von meinem Buch mein Buch anzugreifen, mich für den Herrn Borkheim, seine Narrheiten u. Persönlichkeiten, verantwortlich zu machen. Sollte etwas der Art geschehn, so müssen Sie durch Warnebold etc in die Zeitungen, die Ihnen zur Verfügung stehn, kurze Artikelchen einrücken, worin Sie diese Taktik aufdecken u., ohne irgend den Borkheim zu beleidigen, doch gradezu heraussagen, wie nur die schlechte Absicht oder äusserste Unkritik zwei S // so Disparates identificiren können. Die barocke und confuse Manier, worin sich in Borkheims Kopf unsre Ansichten wiederspiegeln, (sobald er nicht spricht, sondern schreibt) er bietet natürlich dem gemeinen Preßgang die willkommenste Handhabe zur Offensive u. kann sogar ein Mittel für ihn werden meinem Buch indirekt zu schaden.

Sollte jedoch, was ich kaum hoffen darf, da Borkheim sein Kind wohlverpackt allen Zeitungen zuschickt, die Presse darüber schweigen, so unterbrechen Sie nur in keiner Weise dieß feierliche Stillschweigen.

Wäre B. nicht persönlicher Freund, so würde ich ihn öffentlich desavouiren. Sie begreifen meine fausse position u. zugleich | meinen Aerger. Wenn man ein mühsam ausgearbeitetes Werk (u. es ist vielleicht nie ein Werk der Art unter schwierigeren Verhältnissen geschrieben worden) dem Publicum vorlegt, um die Partei so hoch als möglich zu heben u. durch die Art der Darstellung selbst die Gemeinheit zu entwaffnen, wenn dann im selben Augenblick ein Parteimitglied in der bunten Jacke u. mit der Schellenkappe sich dicht neben einen auf den Markt drängt u. faule Aepfel u. Eier provocirt, die einem selbst u. der Partei an den Kopf fliegen können!

 Siehe L. Kugelmann an Marx, 29.9.1867, und Marx an Engels, 4.10.1867.
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Ihre Manöver gegen Vogt zu Genf haben mich sehr satisfait
. Es freut mich, daß mein Buch Ihnen gefällt.

Was Ihre Frage betrifft:

Ernest Jones hatte in Irland vom als Parteimann zu Irländern zu sprechen, also, da das grosse Grundeigenthum dort identisch mit dem Eigenthum Englands an Irland ist, gegen das grosse Grundeigenthum. Sie müssen in Hustings speeches engl. Politiker nie etwas Prinzipielles suchen, sondern nur das zum nächsten Zweck Brauchbare.

 Siehe L. Kugelmann an Marx, 8.10.1867. Über die Peonage siehe Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. Buch 1. Hamburg 1867. S. 131. Fußnote 41. (MEGA2 II/5. S. 121.28–44.)
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Peonage ist Vorschuß von Geld auf künftige Arbeit. Es geht dann mit diesen Vorschüssen, wie beim gewöhnlichen Wucher. Der Arbeiter bleibt nicht nur sein ganzes Leben der Schuldner, also Zwangsarbeiter des Gläubigers, sondern dieß Verhältniß vererbt sich auf die Familie u. spätere Generation, die also thatsächlich dem Gläubiger gehört.

 Siehe Erl. zu Marx an J. Ph. Becker, zw. 9. u. 15.1.1866. – Die Manuskripte für eine Fortsetzung des „Kapital“ in einem zweiten und dritten Band, an denen Marx bis zum Ende seines Lebens weiterarbeitete, wurden erst nach seinem Tod von Engels veröffentlicht. Ausführlich zur Entstehungsgeschichte dieser Bände siehe MEGA2 II/4.3. S. 421–469; II/11. S. 846–851; II/12. S. 497–523; II/13. S. 497–545; II/14. S. 381–431 und II/15. S. 917–926. Siehe auch Marx an L. Kugelmann, 13.10.1866. und Marx an Engels, 4.10.1867 „Ich kann weder Bd. II fertig machen …“ und Erl.
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Das Fertigmachen meines zweiten Bandes
hängt grossentheils ab von dem Erfolg des ersten. Dieser ist mir nöthig, um einen Buchhändler in England zu finden u. ohne letzteren bleiben meine materiellen Verhältnisse so schwierig u. störend, daß ich weder Zeit noch Ruhe zum raschen Fertigmachen finden kann. | Dieß sind natürlich Dinge, die ich Herrn Meißner nicht zu wissen wünsche. Es hängt also jezt von dem Geschick u. der Thätigkeit meiner Parteifreunde in Deutschland ab, ob der II. Band lange oder kurze Zeit zum Erscheinen braucht. Gediegene Kritik – sei es von Freund oder Feind – kann nur nach u. nach erwartet werden, da ein so umfangreiches u. theilweis schwieriges Werk Zeit zum Durchlesen u. Verdauen fordert. Aber der nächste Erfolg ist nicht durch gediegene Kritik bedingt, sondern, um es platt herauszusagen, durch Lärmschlagen, durch Rühren der Trommel, welches die Feinde auch zwingt zu sprechen. Es ist noch zunächst nicht so wichtig was gesagt wird als daß gesagt wird. Vor allem keine Zeit verlieren!

 Den Brief von L. Kugelmann an Marx, 8.10.1867 übersandte Marx an Engels am 10. Oktober (Marx an Engels, 10.10.1867).
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Ihren lezten Brief habe ich an Engels geschickt
, damit er Ihnen die nöthigen Winke zukommen lasse. Er kann besser über mein Buch schreiben als ich selbst.

Ihrer lieben  Gertrud Kugelmann.
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Frau
meine herzlichsten Grüsse.  Siehe L. u. G. Kugelmann an Marx, 29.9.1867 und Marx u. E. Marx an L. u. Fr. Kugelmann, 30.11.1867.
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Ich werde ihr einen dieser Tage ein Recept zum Lesen des Buchs schicken
.

Ihr
K. M.


Halten Sie mich au fait von allem, was in Dtschld mit Bezug auf Bd. I vorfällt.

 Siehe P. Stumpf an Marx, 29.9.1867.
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Da Paul Stumpf (Mainz) mir einen Brief geschrieben, worin er Borkheims Rede „meine“ Rede nennt
, u. da ich in diesem Augenblick keine Zeit habe, an St. zu schreiben, so schreiben Sie ihm doch gefälligst, klären ihn auf, empfehlen ihm Stillschweigen beim Erscheinen der B.schen Brochüre. Stumpf selbst wird fatal, wenn er die Feder in die Hand nimmt – entre nous!

 

Zitiervorschlag

Karl Marx an Louis Kugelmann in Hannover. London, Freitag, 11. Oktober 1867. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00388. Abgerufen am 06.12.2021.