Sie glauben nicht, welch’ großes Aufsehen der Lausanner-Kongreß hier in der ganzen Presse gemacht hat. Nachdem die „Times“ den Ton angegeben, täglich Korrespondenzen gebracht hatte, hielten es auch die andern Blätter nicht mehr unter ihrer Würde, der Arbeiterfrage nicht nur Notizen, sondern sogar lange Leitartikel zu widmen. Nicht nur in allen täglichen, sondern auch in sämmtlichen Wochenblättern, war der Kongreß besprochen. Daß darunter ihn viele vornehm und ironisch behandelten, ist ganz natürlich. Hat nicht jede Sache neben der erhabenen auch ihre komische Seite, und warum sollte unser guter Arbeiterkongreß neben seinen plaudersüchtigen Franzosen ganz frei davon sein? Aber trotz alledem und alledem wurde er im Ganzen sehr anständig behandelt an au sérieux genommen. Selbst der „Manchester Examiner“, das eigentliche Organ John Bright’s und der Manchesterschule, hat ihn in einem sehr guten Leitartikel als wichtig und epochemachend hingestellt. Wurde er mit seinem Stiefbruder, dem Friedenskongreß, verglichen, so fiel der Vergleich stets zum Vortheil des ältern Bruders aus und man sah in dem einen drohende Schicksalstragödie und in dem andern nichts als Farce und Burleske.

Wenn Sie schon in den Besitz des Buches von Karl Marx gekommen sind, so rathe ich Ihnen, sofern Sie sich nicht schon, wie ich, durch die dialektischen Spitzfindigkeiten der ersten Abschnitte durchgearbeitet haben, jene über ursprüngliche Accümülation des Kapitals und moderne Colonisationstheorie zuerst zu lesen. Ich bin überzeugt, dass Sie diesen Theil, wie ich selbst, mit größter Befriedigung aufnehmen werden. Natürlich hat Marx keine spezifischen Heilmittel, wonach die Bourgeoiswelt, die sich jetzt auch sozialistisch nennt, so gewaltig schreit, parat, keine Pillen, keine Salben, keine Scharpie, um die klassenden, blutenden Wunden unserer Gesellschaft zu heilen; aber es scheint mir, dass er, nach der naturhistorischen Entwickelung des Entstehungsprozesses moderner Gesellschaft, die praktischen Resultate und Nutzanwendungen bis zu den kühnsten Konsequenzen gezogen hat und dass es keine Kleinigkeit war, den erstaunten Philister durch statistische Thatsachen und dialektische Manöver auf die schwindelnde Höhe folgender Sätze zu bringen: „Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie ist selbst eine ökonomische Potenz … Manch’ Kapital, das heute in den Vereinigten Staaten ohne Geburtsschein auftritt, ist gestern in England kapitalisirtes Kinderblut … Wenn das Geld mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt, so das Kapital von Kopf bis Zeh’ aus allen Poren blut- und schmutztriefend.“ Oder der ganze Passus von: „Die Stunde des kapitalistischen Eigenthums schlägt“ u.s.w., bis zum Schluß.

Ich muß aufrichtig gestehen, dass mich dieser einfache Pathos der Sache ergriffen und dass mir die Geschichte klar wie Sonnenschein. |

 

Zitiervorschlag

Jenny Marx an Johann Philipp Becker in Genf. London, vor Samstag, 5. Oktober 1867 (Auszug). In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00371. Abgerufen am 16.11.2019.