| Hoboken N.J.
box 101
5 juli 1867

Lieber Freund,

wie konnten sie glauben, daß ich die veranlassung zu ihrem langen schweigen misdeuten würde! sie konnten uns mit nichts mehr erfreuen, als mit der wichtigen nachricht über ihr werk, das mich nun bald erquicken wird.

Ich bin seit dem februar nicht mehr in Georgia, unter der großen geschäftslosigkeit mit leidend, welche hier schon 1 jahr herschen soll; ich bin vorläufig lehrer in einer deutschen schule in New-York, habe aber noch nicht darauf verzichtet, als bergmann wieder einmal an zu kommen. Die arbeiter verhältnisse näher kennen zu lernen, habe ich noch wenig gelegenheit gehabt; es besteht hier, wie ihnen Sorge vielleicht schon mitgetheilt hat, ein sogenannter kommunistenklub, aus etwa 20 mitgliedern, zu denen dr Koch, Fritz Kamm, Sorge gehören (Kamm ist vor einigen wochen gestorben). Von einer einwirkung dieses klubs auf arbeiter-geselschaften ist bis jetzt keine rede gewesen; die mitglieder | bei welchen von einer politischen durchbildung gesprochen werden kann, kommen eben mit arbeitern gar nicht in berührung. Da seit einigen wochen freund August Vogt aus Berlin auch hier ist, so hoffe ich, durch diesen eine anknüpfung mit deutschen arbeitern bewerkstelligt zu sehen. Daß die Lassalle-schwärmer auch in New-York vertreten sind, wird sie nicht überraschen; sie machen natürlich auch hier viel wind und lassen es an worten und phrasen nicht mangeln. ihr haupthahn ist Weber, ein sohn des Pfälzer uhrmacher Weber in London. Da dieser seit einigen monaten sich auch dem kommunisten-klub angeschlossen hat und neulich unserm anschluß an die intern. arbeiter assoziation entgegentrat (ohne feiger weise einen grund an zu geben) so wäre uns ein aufschluß über das junge bürschchen erwünscht, der, wie es scheint, von London aus eingeblasen erhält, was er hier von sich gibt.

Von Liebknecht haben sie wol nachricht; was sie aber kaum wissen werden, ist, daß es ihm seit 1 halbem jahre ganz hundsföttisch schlecht geht. Vogt hat ihn vor seiner abreise in Leipzig besucht | und ist der meinung, daß er zu grunde gehen müsse, wenn er noch länger dieser not ausgesetzt bleibe. Sorge, der ihm von Genf ausbefreundet ist, hat daher auch schon daran gedacht, ihn zu uns herüber zu ziehn. Seine wirksamkeit in Deutschland schlage ich sehr hoch an und würde im allgemeinen interesse demnach gegen diesen plan sein, der freilich unter obwaltenden verhältnissen für ihn selbst der gerathenste sein wird. – Sorge hat sich mit Becker bereits in verbindung gesetzt und ich denke, mit Vogts rühriger thätigkeit im agitiren werden wir hier reichligen zuwachs erhalten können.

Ueber die hier so zahlreichen arbeiter-geselschaften weiß ich nicht viel mehr, als was die zeitungen bringen. Daß diese sämmtlich die 8stunden bewegung hart bekämpfen, ist nicht auffallend. Das im september 1866 erschienene arbeiterblat: The national workman war zum theil sehr matt, suchte dann fühlung bei der demokratischen partei und gieng im april ein. Den arbeitern | am günstigsten, wenn auch noch feindselig genug äußert sich die Tribune. Daß dieser gegenüber Dana im herbst ein neues großes organ gründen wird, ist ihnen wol bekannt.

Im ganzen scheinen mir die industriellen notstände der Vereinigten staaten einer reißend schnellen entwickelung entgegen zu gehen und daß binnen wenigen jahren eine repudiation der schuld eintreten wird, bezweifeln nur wenige.

Erfreuen sie mich und meine freunde wieder einmal mit einigen zeilen und bewahren sie sich ihre gesundheit und guten mut, der ihnen vielleicht schneller abhanden komt, als uns jungem volk.

Ihr
Sgfrd Meyer. |
 

Zitiervorschlag

Sigfrid Meyer an Karl Marx in London. Hoboken, Freitag, 5. Juli 1867. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00293. Abgerufen am 19.10.2019.