1Der Briefjahrgang 1868 enthält den überlieferten Briefwechsel von Karl Marx und Friedrich Engels vom 1. Januar bis 31. Dezember 1868.

2Von den hier in digitaler Form edierten insgesamt 408 Briefen wurden 111 Briefe von Marx (davon 74 an Engels) geschrieben. Bei einem Brief griff Marx’ Frau Jenny stellvertretend zur Feder. 71 Briefe sind von Engels (davon 66 an Marx) verfasst. 162 Briefe Dritter sind an Marx gerichtet, 33 an Engels. 171 Briefe werden hier erstmals veröffentlicht, 15 Briefe erstmals in der Sprache des Originals. Zusätzlich konnte eine Vielzahl verlorengegangener Briefe aus der überlieferten Korrespondenz erschlossen werden. Die Korrespondenzsprachen sind Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch.

3Die Briefkorrespondenz von und das Briefnetzwerk um Marx und Engels fügen sich in den editorischen und thematischen Kontext folgender Bände der I., II. und IV. Abteilung der MEGA2 ein:

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5Gegenüber dem Vorjahreszeitraum hat die Korrespondenzdichte noch einmal um rund 100 Briefe zugenommen. Zudem konnte wieder eine große Anzahl an Marx und Engels gerichteter Briefe erstmals veröffentlicht werden.

6Einige inhaltliche Aspekte:

7Kurz nach der Veröffentlichung des ersten „Kapital“-Bandes lassen sich auch im Jahr 1868 die Anstrengungen von Marx und Engels verfolgen, das Buch mittels Annoncen, Rezensionen und Abdrucken von Auszügen in Zeitungen und Zeitschriften in das Blickfeld eines geeigneten Lesepublikums zu rücken. Zahlreiche Briefpartner (unter anderem Carl Siebel, Louis Kugelmann, Wilhelm Liebknecht, Wilhelm Eichhoff, Johann Georg Eccarius) bemühen sich über Kontakte zu Zeitungen und bekannten Persönlichkeiten oder auch in Vorträgen, die öffentliche Wahrnehmung des ersten „Kapital“-Bandes zu befördern. Der Blick richtet sich hierbei zunehmend auf die süddeutsche und österreichische Presse sowie auf die Leserschaft in England. Engels arbeitet Ende Juni 1868 an einer größeren Besprechung für die „Fortnigthly Review“, die jedoch nicht gedruckt wird, und setzt das 1867 begonnene Verfassen von Kritiken zum „Kapital” aus diversen Blickwinkeln fort: „Nach meiner Ansicht mit spezieller Rücksicht auf den Verkauf ist Oestreich nun am wichtigsten. Notabene, wenn Du die Geduld hast, noch mehr Recepte zu schreiben. Jennychen, ein Kenner im Fach, behauptet, daß Du grosses dramatisches Talent entwickeltest, resp. komisches, in dieser Action von ‚verschiednen‘ Standpunkten u. mit verschiednen Charaktermasken.“ (Marx an Engels, 8. Januar 1868.)

8Ausführlich kommentiert wird auch die umfangreiche Artikelserie von Johann Baptist von Schweitzer über das „Kapital“ im Berliner „Social-Demokrat“, die Marx’ Zustimmung fand, und Eugen Dührings Besprechung in den „Ergänzungsblättern zur Kenntniß der Gegenwart“ („But never mind. Ich muß dem Mann [Eugen Dühring] dankbar sein, da er der erste Fachmann ist, der überhaupt gesprochen hat.“, Marx an L. Kugelmann, 6. März 1868. Siehe auch MEGA2 I/21. S. 1200-1218).

9Darüber hinaus sind zahlreiche Äußerungen von Briefpartnern zum „Kapital“ zu verzeichnen, so z. B. die anerkennenden Worte Ferdinand Freiligraths in seinem letzten überlieferten Brief an Marx, bevor die Korrespondenz nach Freiligraths Rückkehr nach Deutschland abbrach („Es ist eben ein Buch, das studirt sein will, u. darum ist der Erfolg vielleicht kein überschneller u. überlauter, aber die Wirkung im Stillen wird dafür um so tiefer und nachhaltiger sein.“, F. Freiligrath an Marx, 3. April 1868).

10Neben der Suche nach einem geeigneten Übersetzer für eine französische Ausgabe vom „Kapital“ wird im Brief von Nikolaj Francevič Danielson und Nikolaj Nikolaevič Ljubavin erstmals die Absicht einer Übersetzung ins Russische bekundet (N. F. Daniel'son und N. N. Ljubavin an Marx, 30. September und 2. Oktober 1868)

11Die gleich zu Anfang des Jahres sich entwickelnde Korrespondenz zwischen Marx und Engels über ökonomische Fragen („Die Geschichte über Profitrate & Geldwerth ist sehr nett & sehr klar.“, Engels an Marx, 26. April 1868) begleitet Marx’ Arbeit an der Fortführung des „Kapital“. Diesbezüglich beschäftigt er sich unter anderem mit Fragen der Grundrente und der Landwirtschaft einerseits (siehe die drei „Hefte zur Agrikultur 1868“ in MEGA IV/18) und des Kreditsystems, des Geldmarkts und Aktienwesens andererseits (siehe „Heft zum fixen Kapital und Kredit 1868“ in MEGA IV/18, einschliesslich der vier in MEGA IV/19 edierten Exzerpthefte). In diesem Themenfeld sticht der hier erstmals edierte Briefwechsel mit Collet Dobson Collet am Ende des Jahres heraus, in dem Marx sich ausführlich zu Verlauf und Akteuren der Finanzkrise von 1866 äußert, mit denen er sich parallel intensiv in Exzerpten aus den Wirtschaftszeitschriften „The Economist“ und „The Money Market Review“ auseinandersetzt (siehe MEGA IV/19).

12Friedrich Engels zeigt der Briefwechsel – neben seiner Präsenz als wichtigster Korrespondenzpartner von Marx – auch bei seiner Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in Manchester (Schiller-Anstalt), als Teilhaber der Firma „Ermen & Engels“ in Manchester und in den Familienbriefen, die er u. a. mit seiner Mutter Elisabeth und seinem Bruder Hermann in Barmen wechselt (siehe auch MEGA I/21. S. 1168-1172). Im Juli beginnt er mit der Arbeit an einer biographischen Skizze zu Karl Marx, ursprünglich durch Vermittlung des deutsch-ungarischen Publizisten Karl Maria Kertbeny für die „Illustrirte Zeitung“ (Leipzig) vorgesehen („Diese Art Reklame dringt dem Philister in seinen tiefsten Busen.“, Engels an Marx, 2. Februar 1868), die jedoch erst 1869 eine Veröffentlichung in der „Zukunft“ erfährt (siehe MEGA I/21. S. 77-82). Marx selbst konnte sich allerdings mit dem Gedanken, über biographische Porträts in deutschen Familienzeitschriften wie der „Gartenlaube“ oder „Daheim“ mehr Bekanntheit zu erlangen, nicht anfreunden („Ich halte dergleichen eher für schädlich als nützlich u. unter dem Charakter eines wissenschaftlichen Manns.“, Marx an L. Kugelmann, 26. Oktober 1868). Im November bahnt sich Engels’ Austritt aus dem Geschäftsleben an (Engels an Marx, 29. November 1868), der in den Verkauf seiner Firmenanteile an „Ermen & Engels“ Manchester im Folgejahr mündet.

13Weitere thematische Schwerpunkte in den Briefen sind:

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  • Marx als Mitglied des Generalrates der IAA und Sekretär für Deutschland, der in zahlreichen hier erstmals veröffentlichten Schreiben aus der sich zunehmend organisierenden Arbeiterschaft in verschiedenen Ländern als Ansprechpartner in Erscheinung tritt. Hierzu zählt etwa der Brief von Adolph Bachmanns vom Vorschuss- und Konsumverein in Sachsen an den Generalrat der IAA, Abt. Deutschland. Der Brief ist gleichzeitig ein Sozialreport über die Zustände im sächsischen Kohlebergbau (A. Bachmann an Marx, 15. November 1868).
  • Die Vorbereitung des Jahreskongresses der IAA in Brüssel vom 8. bis 13. September 1868. Über den Kongress berichten unter anderem Johann Georg Eccarius und Friedrich Leßner.
  • Die Wahrnehmung der IAA in den USA, in die der Briefwechsel mit Hermann Meyer, Sigfrid Meyer und August Vogt Einblicke gewährt.
  • Die von dem Journalisten, Mitglied und „Berliner Korrespondenten“ der IAA, Wilhelm Eichhoff verfasste erste zeitgenössische Darstellung der Geschichte der IAA („Die Internationale Arbeiterassoziation. Ihre Gründung, Organisation, politisch-soziale Tätigkeit und Ausbreitung“. Berlin 1868), an deren Text Marx bis hin zur Korrektur der Satzfahnen beteiligt war (siehe MEGA I/21. S. 948-1001).
  • Das schwierige Verhältnis der IAA zu den im „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ organisierten „Lassalleanern“, die sich insbesondere in den Briefwechseln mit Johann Baptist von Schweitzer, Wilhelm Liebknecht, Wilhelm Eichhoff, Carl Speyer vom Londoner Arbeiterbildungsverein oder dem Mainzer Paul Stumpf spiegelt.
  • Die in Deutschland zunehmende Organisation von Arbeitern in Gewerkschaften, die „7. Generalversammlung des ADAV in Hamburg 23./26. August 1868“, der „5. Vereinstag der Arbeitervereine in Nürnberg 5./7. September 1868“ und der „Allgemeine Deutsche Arbeiterkongress in Berlin 26./29. September 1868“.
  • Die politische Situation in Russland, insbesondere vermittelt durch die zahlreichen Briefe von Sigismund Ludwig Borkheim mit Hinweisen auf russische Literatur.
  • Das Verhältnis von Marx zu Michail Aleksandrovič Bakunin und der von ihm ins Leben gerufenen „Alliance Internationale de la Démocratie Socialiste“. (Siehe unter anderem M. A. Bakunin an Marx, 22. Dezember 1868.)
  • Der erste Versuch eines Vertreters der sogenannten „jungen Generation“ der russischen revolutionären Demokraten und Mitgliedes der IAA, den Kontakt mit Marx herzustellen und seine Unterstützung bzw. Hilfe zu gewinnen. (A. A. Serno-Solov'evič an Marx vom 20. November 1868).
  • Der sich anbahnende Krieg zwischen Preußen und Frankreich, der auch auf dem Brüsseler Kongress der IAA thematisiert wird.
  • Die Britische Unterhauswahl 1868.
  • Die Briefe des Gerbers Joseph Dietzgen an Marx, in denen dieser um kritische Durchsicht eines Manuskripts bittet, aus dem 1869 die Buchpublikation „Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit“ entsteht.

15Die Briefe von Januar bis Juli 1868 wurden von Svetlana Gavrilchenko, die von August bis Dezember 1868 von Tatiana Gioeva am Russländischen Staatlichen Archiv für Sozial- und Politikgeschichte (RGASPI, Moskau) bearbeitet. Die Endredaktion und Bearbeitung der Online-Fassung des Briefjahrgangs erfolgten an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften durch Thomas Lindenberg und Caroline Lura, unter Mitarbeit von Regina Roth.

16Die den Briefwechsel begleitenden Sacherläuterungen werden zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht. Darüber hinaus mussten aufgrund des zur Zeit erschwerten Zugangs zu den Archiven einzelne Details zur physischen Beschreibung der Textzeugen und zur Datierung offen bleiben.

17Einzelheiten zur Bearbeitung und Benutzung siehe Editorische Hinweise.

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Thomas Lindenberg                                    Berlin, 30. Juni 2021

19Ansprechpartner: Thomas Lindenberg, lindenberg@bbaw.de