1Der Briefjahrgang 1869 enthält den überlieferten Briefwechsel von Karl Marx und Friedrich Engels vom 1. Januar bis 31. Dezember 1869.

2Von den hier in digitaler Form edierten insgesamt 361 Briefen wurden 78 Briefe von Marx (davon 53 an Engels) geschrieben. 62 Briefe sind von Engels (davon 52 an Marx) verfasst.

3160 Briefe Dritter sind an Marx gerichtet, 60 an Engels. Darüber hinaus wurde ein Brief von Paul Lafargue an Marxʼ Frau Jenny aufgenommen. Über 170 Briefe werden hier erstmals veröffentlicht, etliche Briefe erstmals in der Sprache des Originals. Zusätzlich konnten 47 verlorengegangene Briefe aus der überlieferten Korrespondenz erschlossen werden. Die Korrespondenzsprachen sind Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch.

4Die Briefkorrespondenz von und das Briefnetzwerk um Marx und Engels fügen sich in den editorischen und thematischen Kontext folgender Bände der I., II. und IV. Abteilung der MEGA2 ein:

  • MEGA I/21 (Karl Marx/Friedrich Engels: Werke. Artikel. Entwürfe. September 1867 bis März 1871; siehe Struktur der MEGA, I. Abteilung),
  • MEGA I/11 (Karl Marx/Friedrich Engels: Werke. Artikel. Entwürfe. Juli 1851 bis Dezember 1852; siehe Struktur der MEGA, I. Abteilung),
  • MEGA II/5 ( Karl Marx: Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie. Erster Band, Hamburg 1867; siehe MEGAdigital),
  • MEGA II/4.3 (Karl Marx: Ökonomische Manuskripte 1863–1868. Teil 3; siehe Struktur der MEGA, II. Abteilung),
  • MEGA II/11 (Karl Marx: Manuskripte zum zweiten Buch des „Kapitals“ 1868 bis 1881; siehe MEGAdigital),
  • MEGA IV/18 (Karl Marx/Friedrich Engels: Exzerpte und Notizen. Februar 1864 bis Oktober 1868, November 1869, März, April, Juni 1870, Dezember 1872; siehe Struktur der MEGA, IV. Abteilung),
  • MEGA IV/19 (Karl Marx/Friedrich Engels: Exzerpte, Notizen und Zeitungsausschnitte von Oktober 1868 bis Mai 1872; siehe MEGAdigital).

5Die Dichte des überlieferten Briefwechsels, dessen Kern weiterhin der briefliche Austausch zwischen Marx und Engels selbst ausmacht, fällt im Verhältnis zum Vorjahr etwas geringer aus. Wichtige Korrespondenzpartner in Deutschland blieben für beide vor allem Louis Kugelmann und Wilhelm Liebknecht, für Engels seine Familie im Wuppertaler Raum. Zudem hatte die räumliche Distanz zu der jungen, in Paris heimisch gewordenen Familie Lafargue eine intensive briefliche Kommunikation zwischen beiden Seiten des Kanals zur Folge. Denn für Marx hatte das Jahr mit der Nachricht von der glücklichen Geburt seines Enkels Charles Étienne Lafargue begonnen, in den Briefen mit Kosenamen wie Schnappi, Schnaps oder Fouchtra bedacht (siehe u. a. P. u. L. Lafargue an Marx, J. Marx, J. Marx (Tochter), E. Marx und H. Demuth 5., oder 6.1.1869). Die Sorge um dessen Gesundheit begleitete das ganze Jahr hindurch den Briefwechsel zwischen ihm und den Lafargues in Paris. Auch die Reisen von Marx nach Paris und Deutschland ließen den Schriftverkehr nicht zum Erliegen kommen.

6Zu den durchgängigen Themen in der Korrespondenz zählen insbesondere zwei Neuauflagen Marxscher und Engelsscher Texte: Im Spätsommer erschien die bereits 1864/1865 ins Auge gefasste Neuausgabe von Marx’ Schrift „Der 18te Brumaire des Louis Napoleon“ (MEGA I/11), überarbeitet und mit einem Vorwort (MEGA I/21. S. 130/131) versehen u. d. T. „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ in Hamburg bei Otto Meißner. Marx, der von Anfang September bis Mitte Oktober Deutschland bereiste, musste den ausbleibenden Erfolg dieser zweiten Ausgabe als Enttäuschung hinnehmen: „Ueberall, wo ich durchkam, wußte man nichts von meinem „Louis Bonaparte“. Ich habe Meißner keineswegs artige Noten über diesen Punkt zukommen lassen.“ (Marx an Engels 25.9.1869). Wilhelm Liebknecht bemühte sich seit dem Frühjahr 1869 um eine Neuausgabe von Engels „Der Deutsche Bauernkrieg“, die jedoch erst 1870, in der Expedition des „Volksstaates“ mit einem Vorwort von Engels gedruckt, zustande kam.

7Marx’ Suche nach einem geeigneten Übersetzer für eine französische Ausgabe des „Kapital“ spiegelt sich in den Briefen von Charles Keller und im Briefwechsel mit Paul Lafargue, auf dessen Vermittlung die Verbindung zu Keller zustande kam, wider.

8Hervorzuheben ist auch Marx umfangreiches publizistisches Wirken als Mitglied des Generalrats der IAA, etwa durch die Erklärungen gegen die „Belgian Massacres“ anlässlich der Streiks in den belgischen Kohlegebieten im April/Mai 1869 (siehe Marx an Engels, 8. Mai 1869 und MEGA I/21. S. 120-124 und 125-129) oder die „Deutsche Übersetzung des Berichts von Friedrich Engels über die Knappschaftsvereine der Bergarbeiter in den Kohlegruben Sachsens“ (MEGA I/21. S. 110-115; siehe zu letzterer u. a.: A. Bachmann an Marx, 31.1.1869 und Marx‘ Dankeszeilen an Engels nach dem Erhalt des englischen Originals (siehe Marx an Engels, 24.2.1869): „Er ist durchsichtig klar. Ich habe nichts geändert, ausser Wegstreichung des Schlußsatzes (od. vielmehr einiger Worte darin). Gestern verlesen im Centralrath. Adoptirt.“.

9Über den IV. Kongress der IAA in Basel (6.–11. September 1869) erhielt Marx detaillierte Berichte von Friedrich Leßner (Marx hatte den „Report of the General Council to the Fourth Annual Congress of the International Working Mens’s Association” in Englisch und Deutsch verfasst. Siehe MEGA I/21. S. 134-158).

10Ein weiteres durchgehendes Thema in der Korrespondenz, nicht nur zwischen Marx und Engels selbst, sondern auch mit Wilhelm Liebknecht und dem Hannoverschen Arzt Louis Kugelmann, ist die Kommentierung der Ereignisse in der deutschen Sozialdemokratie, deren Richtungsstreit in das einigende Gründungsprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei auf den Eisenacher Parteitag am 8./9. August 1869 mündete. Selten finden Wilhelm Liebknechts publizistische Äußerungen in dem von ihm herausgegebenen „Demokratischen Wochenblatt“ Zustimmung aus London und Manchester, etwa wenn es im Brief von Marx an Engels vom 22. Juli 1869 heißt: „Die Unverschämtheit des Wilhelm im Namen des Internat. Generalraths Bannbullen zu erlassen, ist wirklich kolossal. Ich hatte ihm geschrieben, daß ich persönlich mich diesem Skandal (das alte Saumensch Hatzfeldt wünscht nichts eifriger als mich hineinzuziehn) fernhalte, um so mehr als ich ebenso decidirt gegen die Lassalle clique als gegen die ‚Volkspartei.‘“

11Im Rahmen der Weiterarbeit von Marx an seiner Ökonomie (siehe MEGA II/11. Entstehung und Überlieferung, S. 922; Text: MEGAdigital) ist der briefliche Austausch mit Engels über Henry Charles Careys "Principles of Social Science" bemerkenswert. Careys Werke waren Marx seit langem bekannt (Siehe MEGAdigital, MEGA II/1.1, S. 4, Z. 11/12: "Carey ist der einzige originelle Oekonom der Nordamerikaner." und MEGA II/1.1: "Bastiat und Carey" ). Er hatte sich auch im "Kapital" und in seinen Exzerpten zur Agrikultur mit ihm auseinandergesetzt (siehe MEGA II/5 (digital) und MEGA IV/18). In einem Brief an Engels vom 26. November 1869 finden sich nun weitere ausführliche Darlegungen zu Careys Renten- und Bodenertragstheorie, mit denen Marx auf ein (wohl von ihm selbst in Auftrag gegebenes) Referat zu Careys "Principles" von Engels antwortet (Engels an Marx, 19. November 1869; Engels an Marx, 9. November 1869). Engels' Handexemplar des Buches mit Marginalien von seiner Hand ist im "Verzeichnis der Bibliotheken von Karl Marx und Friedrich Engels (MEGA IV/32) aufgeführt.

12Für Engels lag der Kulminationspunkt des Jahres 1869 im Juli, bedingt durch seinen beruflichen Ausstieg aus der Firma Ermen & Engels in Manchester. „Hurrah! Heute ists mit dem doux commerce am Ende, & ich bin ein freier Mann.“, schrieb er am 1. Juli 1869 an Marx (Engels an Marx, 1.7.1869) Nach Auszahlung seiner Geschäftsanteile von seinem Geschäftspartner Gottfried Ermen gewann er für sich die zeitliche und finanzielle Freiheit vom Erwerbsleben: „Am 30 Juni d. J. lief mein Vertrag mit meinem bisherigen Associé ab. Nach meinem ursprünglichen Überschlag hatte ich, bei Beginn des Vertrags, darauf gerechnet, bei seinem Ablauf soviel aus dem edlen Commerce herausgeschlagen zu haben daß ich davon, wenn auch nach hiesigen Begriffen sehr bescheiden, leben & also dem Handel Valet sagen könnte. … Was ich für eine Freude habe daß ich den verfluchten Handel los bin & wieder selbst arbeiten kann, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Namentlich auch daß dies grade jetzt geschehen konnte wo die Ereignisse in Europa eine immer mehr zugespitzte Gestalt annehmen, & das Donnerwetter eines schönen Tags ganz unverhofft losbrechen kann.“ (Engels an L. Kugelmann, 10.7.1869) Es war ein lange vorbereiteter Schritt, von dem auch Marx profitieren sollte. Bereits im November 1868 hatte Engels Überlegungen zu einer möglichen regelmäßigen Alimentierung der Familie Marx angestellt und bat diesen um Auskunft: „1) Wie viel Geld brauchst Du um alle Deine Schulden zu bezahlen so as to have a clear start? 2) Kannst Du mit £ 350.– für die gewöhnlichen regelmäßigen Bedürfnisse im Jahr auskommen (wobei ich Extrakosten durch Krankheit & unvorhergesehene Ereignisse ausschließe) d. h. so daß Du dabei keine Schulden zu machen brauchst.“ (Engels an Marx, 29.11.1868). Mit 48 Jahren hatte Engels nun Zeit und Muße, sich ausschließlich seinen eigenen Interessen zu widmen und auch Marx beglückwünschte den Freund zu diesem Schritt in die Unabhängigkeit: „Beste Congratulation zu Deiner Flucht aus der ägyptischen Gefangenschaft“ (Marx an Engels, 3.7.1869).

13Eine Reise nach Irland beflügelte Engels in seinem seit 1867 gehegten Plan, eine Geschichte Irlands zu schreiben und die Suche nach verlässlichen Literaturquellen ist im Briefwechsel mit Marx, der sich ebenfalls intensiv mit dem Land und der englischen Irland-Politik beschäftigte, das ganze Jahr präsent. (Siehe Friedrich Engels: Vorarbeiten und Entwürfe für das Buch über die Geschichte Irlands. In: MEGA I/21. S. 181-219). Er „arbeitet umfangreiche Literatur und zahlreiche historische Quellen durch. Die überkommenen bibliographischen Verzeichnisse enthalten mehr als 150 Titel. In sechzehn Heften sind Textauszüge überliefert, dazu noch Notizen und Fragmente auf einzelnen Blättern […] und eine große Zahl von Zeitungsausschnitten. Anhand des Briefwechsels mit Marx und der überlieferten Exzerpthefte lassen sich Engels’ Recherchen und Studien relativ gut nachvollziehen.“ (MEGA I/21. S. 1180/1181 u. S. 1506-1509).

14Das von Louis Kugelmann forcierte und von Engels ausgeführte Projekt einer kurzen biographischen Skizze zu Marx (MEGA I/21. S. 77-82) stieß bei diesem auf wenig Wohlwollen („Die Biographiegeschichte brauche ich nicht zu sehn. Es scheint dieß eine Art Manie mit Kugelmann.“ Marx an Engels, 22.7.1869). Anonym erschien sie schließlich in der Berliner Tageszeitung „Die Zukunft“ im August des Jahres.

15Weitere Inhalte des Briefwechsels sind u. a.

16

  • Die Alliance Internationale de la Démocratie Socialiste (Bakunin), der unter programmatischen Zugeständnissen die Aufnahme in die IAA gelang.
  • Sigismund Ludwig BorkheimsRussische Briefe“ in der „Zukunft“ und „Diplomatic Review“ über Eisenbahnen in Russland und Bakunin, besonders im Zusammenhang mit Engels Interesse an Land und Sprache.
  • Die Aufforderung Max Friedländers an Marx zur erneuten Mitarbeit an der Wiener „Neuen Freien Presse“, als Anknüpfung an Marx journalistische Beiträge für das Blatt Anfang der 60er Jahre.
  • Marx’ Eintritt in die von ihm und seiner Tochter Jenny bespöttelte Royal Society of Arts, dessen Mitglied er auf Empfehlung von Peter Le Neve Foster wurde und es bis 1880 blieb.
  • Streiks sowie genossenschaftliche und gewerkschaftliche Organisationen der Arbeiterschaft in Deutschland, wie der Leipziger „Cigarrenarbeiter“-Verein, die sich an Marx mit der Bitte um Rat und Unterstützung wandten.
  • Die im Herbst 1869 erfolgte Gründung der Land and Labour League, für die Johann Georg Eccarius unter Mitwirkung von Marx die Inaugurationserklärung (MEGA I/21, S. 1020–1024) verfasste.

17Die Briefe wurden von Ljudmila Vasina (unter Mitarbeit von Svetlana Gavrilchenko und Tatjana Gioeva) am Russländischen Staatlichen Archiv für Sozial- und Politikgeschichte (RGASPI, Moskau) sowie Thomas Lindenberg und Caroline Lura an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bearbeitet.

18Aufgrund des zur Zeit der Bearbeitung 2022 erschwerten Zugangs zu den Archiven müssen die physischen Beschreibung der Textzeugen offenbleiben; auch konnten nicht alle Datierungen und Nachweise über Erstveröffentlichungen zum jetzigen Zeitpunkt endgültig geklärt werden. Die Angaben werden zu einem späteren Zeitpunkt nachgereicht. Die den Briefwechsel begleitenden Sacherläuterungen werden fortlaufend ergänzt. Der Schwerpunkt der kurz gehaltenen Sacherläuterungen liegt auf einzelnen, sich durch das Briefjahr ziehenden Ereignissen und Literaturnachweisen.

19Thomas Lindenberg Berlin, im November 2022

20Ansprechpartner: Thomas Lindenberg, lindenberg@bbaw.de