<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="M6942305">
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      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title>
               <idno>6</idno>Jenny Marx an Friedrich Engels in Manchester. London, um
                    Montag, 17. Januar 1870</title>
         </titleStmt><editionStmt><p/></editionStmt>
         
         <publicationStmt><publisher><ref target="https://www.bbaw.de">Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften</ref></publisher><pubPlace ref="https://www.geonames.org/2950159">Berlin</pubPlace><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)</licence></availability><idno type="URLWeb">https://megadigital.bbaw.de/</idno><idno type="URLXML">https://megadigital.bbaw.de/.xml</idno></publicationStmt>
         <sourceDesc>
            <msDesc rend="manuscript">
               <msIdentifier>
                  <institution>IISG</institution>
                  <collection>Marx-Engels-Nachlass</collection>
                  <idno>
                     <idno type="shelfmark">L 3849/F 14</idno>. Fotosign. 3214a-d,
                            3206a-d</idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus zwei Bogen
                            weißem Papier. Jenny Marx hat die ersten sieben Seiten vollständig, die
                            achte Seite zur Hälfte beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.</p>
                  <p>Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift: „14“ (auf
                            der ersten Seite oben links).</p>
               </physDesc>
               <additional>
                  <listBibl>
                     <bibl>RGASPI, Sign. f. 6 op. 1 d. 70</bibl>
                  </listBibl>
               </additional>
            </msDesc>
            <listWit>
               <witness>
                  <bibl type="print" corresp="https://megadigital.bbaw.de/MYHFKSKB">Erstveröffentlichung
                            gekürzt: MEGA<hi rendition="#sup">1</hi> III/4 (1931). S.
                            266/267.</bibl>
               </witness>
               <witness>
                  <bibl type="print" corresp="https://megadigital.bbaw.de/38I66UYF">gekürzt: MEW 32 (1965).
                            S. 705/706.</bibl>
               </witness>
               <witness>
                  <bibl type="print" corresp="https://megadigital.bbaw.de/RQ96LE52">gekürzt: Hecker,
                            Limmroth: Jenny Marx. Die Briefe (2014). S. 433/434.</bibl>
               </witness>
               <witness>
                  <bibl type="print">Vollständig in der Sprache des Originals wird der Brief
                            hier erstmals veröffentlicht.</bibl>
               </witness>
            </listWit>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <profileDesc><textClass><keywords><term>letter</term></keywords></textClass>
         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0008236 http://d-nb.info/gnd/118578510">Jenny Marx</persName>
               <placeName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0004412 http://www.geonames.org/2643743">London</placeName>
               <date when="1870-01-17"/>
            </correspAction>
            <correspAction type="received">
               <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0001917 http://d-nb.info/gnd/118530380">Friedrich Engels</persName>
               <placeName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0004039 http://www.geonames.org/2643123">Manchester</placeName>
            </correspAction>
            <note>Datierung in der Erstveröffentlichung: ca. 17. Januar 1870.</note>
            <note>Zur Datierung: Die Datierung folgt der Erstveröffentlichung. </note>
         </correspDesc>
         <textClass>
            <keywords>
               <term key="M2481952">Russische Sprache</term>
               <term key="M0002434">Judentum</term>
               <term key="M0001838">Linguistisches</term>
               <term key="M0002227">Privates - Marx (Familie, Gesundheit, Finanzen)</term>
               <term key="M0639941">Wein</term>
            </keywords>
         </textClass>
      </profileDesc>
      
   </teiHeader>
   <text><body>
         <div type="writingAct">
            <opener>
               <salute sameAs="MBAnrede">
                  <pb/> Lieber Herr Engels,</salute>
            </opener>
            <p sameAs="MBTextohneEinzug">Selten ist wohl ein hamper so à-propos gekommen als der
                    gestrige. Die Kiste war eben ausgepackt und die 50 schlanken Männer standen in
                    Reih u. Glied in der Küche, als <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0005245 1000613">D<hi rendition="#sup">r</hi> Allen</persName> u.
                    sein Partner,
                    ein junger Schottischer Doktor kamen um den armen <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0001374 http://d-nb.info/gnd/118578537">Mohr</persName> zu operiren, so daß gleich nach der Operation
                    der Mohr mit seinen 2 Aesculapen sich an dem köstlichen <ref xml:id="fee4219d-4201-4f29-a421-9d42015f29af" corresp="#e8c59b4b-0cec-468c-859b-4b0cec768ccb" type="editorialNote">Braunenberger</ref><note xml:id="e8c59b4b-0cec-468c-859b-4b0cec768ccb" corresp="#fee4219d-4201-4f29-a421-9d42015f29af" type="editorial">Brauneberger
                            Wein, aus Brauneberg an der Mosel.</note> stärken konnten. Die
                    Geschichte war diesesmal wieder sehr schlimm. Seit 8 Tagen hatten wir alle
                    Mittel, Umschläge, basilicum etc etc, die schon so oft geholfen hatten,
                    angewendet; allein ganz umsonst. Das Geschwür wuchs beständig, die Schmerzen
                    wurden unerträglich u. es war keine Öffnung u. Ausfluß <pb/> hervorzubringen.
                    Geschnitten mußte werden u. so entschloß der Mohr sich denn endlich zu dem
                    unvermeidlichen Schritt einen Doktor zuzuziehen. Er spürte gleich nach dem sehr
                    tiefen Einschnitt große Erleichterung u. obgleich er heute Morgen noch nicht
                    schmerzfrei ist, so ist er doch im Ganzen viel viel besser u. wird hoffentlich
                    in ein paar Tagen genesen sein. Nun muß ich aber mit einem förmlichen
                    Sündenregister gegen ihn
                    hervorrücken.
                    Seit er von Deutschland zurück ist, u. namentlich nach der Hannoverschen
                    Campagne war er unwohl, hustete beständig u. statt sich zu hegen u. pflegen fing
                    er an auf Mord
                    u. Brand Russisch zu studiren, ging wenig mehr aus <pb/> aß
                    unregelmäßig u. zeigte den Carbuncle unter dem Arm erst, nachdem er schon
                    bedeutend angeschwollen u. verhärtet war. Wie oft habe ich Sie, lieber Herr
                    Engels, seit Jahren im Stillen hierher gewünscht!! Manches wäre anders. Ich
                    hoffe nun, daß er sich diese letzte Erfahrung zur Warnung nehmen wird. Bitte,
                    lieber Herr Engels, machen Sie ihm in Ihren Briefen jetzt <hi rendition="#u">keine
                        Bemerkungen</hi> hierüber. Er ist in diesem Augenblick so leicht irritirt u.
                    würde sich über mich sehr ärgern. Mir war es aber eine solche Erleichterung mein
                    Herz bei Ihnen auszuschütten, da ich ganz ohnmächtig bin irgend etwas in seiner
                    <pb/> Lebensweise zu ändern. Vielleicht ließe sich durch <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0007134 1011403">Gumpert</persName> einmal erstlich mit ihm reden, wenn er
                    wieder nach Manchester kommt. Der ist noch der einzige Arzt in den er Vertrauen
                    hat. In unserm Hause herrscht jetzt eine so allgemeine Verachtung gegen alle
                    Medicin u. alle Ärzte; u. doch sind sie noch immer nothwendige Übel, ohne die
                    man nicht durchkommt. Was haben Sie zu dem <ref xml:id="bf4edbd7-dd1d-41b9-8edb-d7dd1df1b947" corresp="#a4e67d78-1042-46bf-a67d-78104246bfda" type="editorialNote">zweiten
                            Neujahrsgeschenk</ref><note xml:id="a4e67d78-1042-46bf-a67d-78104246bfda" corresp="#bf4edbd7-dd1d-41b9-8edb-d7dd1df1b947" type="editorial">Das zweite Kind von
                            Laura und Paul Lafargue, <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M9205550">Jeanne
                                Lafargue</persName>, wurde am 1. Januar 1870 geboren.</note>
                    gesagt, das <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0007809 http://d-nb.info/gnd/118725904">Laura</persName> uns gemacht hat! Ich hoffe
                    daß das rasche Tempo ein Ende nimmt; sonst könnte man ja bald singen</p>
            <p>
               <lg type="poem">
                  <lg>
                     <l>1, 2, 3, 4, 5–6 – –</l>
                     <l>10 little niggers-boys! </l>
                  </lg>
               </lg>
            </p>
            <p sameAs="MBTextmitEinzug">
               <pb/> Hier hat sich eine Bande von
                    Humbugs
                    zusammengethan um unter <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0007855 1015986">Baxter Langleys</persName>
                    Präsidentschaft, eine „church of progress“ zu bilden und dem „Sunday evenings
                    for the people“ mit Vorträgen über „science“ und heulenden Chören und einer
                    entrée von 6 d bis zu 2½ Sh. zu geben.
                    Bowring,
                    Carpenter
                    and tutti frutti geben dem „people“ lectures. Auch <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0003520 http://d-nb.info/gnd/118555103">Huxley</persName> hat schon Vorträge gehalten. Nun rathen Sie einmal wer am
                    vorverflossenen Sonntag einen „dis course“ hielt u. in Riesenlettern placardirt
                    war? –<hi rendition="#u" xml:space="preserve"> Miss <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0006115 http://d-nb.info/gnd/127997105">Matilda Blind</persName>!!</hi>
               <pb/> Wir gingen alle in die Halle, wo denn die sehr interessant aussehende
                    „young lady“ als die Tochter des berühmten Patrioten <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0005636 http://d-nb.info/gnd/118796569">Karl Blind</persName> dem Publicum vorgestellt wurde. Der alte Jude
                        <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0003335 1005732">Cohen</persName> wird ganz verleugnet und doch
                    blieb einem bei dem ersten Ton der aus der heiseren Kehle kam nichts übrig als
                    auszurufen! „<hi rendition="#u">Wie heißt!</hi>“ Sie sprach über <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0009571 http://d-nb.info/gnd/11879695X">Shelley</persName>, – aber solchen Tratsch, solchen Bombast,
                    solch höheres <ref xml:id="cedba6ed-ff0b-4b8e-9ba6-edff0b4b8eb6" corresp="#e9d91f1f-81ef-41b2-991f-1f81efe1b202" type="editorialNote">„Pipersches
                            Blech“</ref><note xml:id="e9d91f1f-81ef-41b2-991f-1f81efe1b202" corresp="#cedba6ed-ff0b-4b8e-9ba6-edff0b4b8eb6" type="editorial">Anspielung auf <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0008890 http://d-nb.info/gnd/1023009595">Wilhelm
                                Pieper</persName>?</note>, daß man sich wirklich ob der
                    Landsmännin schämen mußte. Dabei ein solches Judenenglisch
                    <pb/> solch ein gutturales Gemauschele, daß man einen alten heisern Rabiner zu
                    hören glaubte. Eine größere Unverschämtheit ist wohl nie dagewesen, als wenn sie
                    sagten sie wolle nun eine <ref xml:id="f016d369-4ffe-4611-96d3-694ffea6113a" corresp="#f44a2556-c764-4976-8a25-56c764d976ca" type="editorialNote">„bürrrds eye“
                            view</ref><note xml:id="f44a2556-c764-4976-8a25-56c764d976ca" corresp="#f016d369-4ffe-4611-96d3-694ffea6113a" type="editorial">bird's eye view.</note> of
                    modern litterature nehmen! Nur die schrecklichste failure kam <hi rendition="#uu">der</hi>
               <hi rendition="#u">Anmaßung</hi> gleich. <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0006800 1009646">Kate
                        Freiligrath</persName> als Dichterin und Matilde Blind als Redner!!
                    Das sind
                    Früchte des Exils! daß Gott erbarm!</p>
            <p sameAs="MBTextmitEinzug">Es hat uns gefreut zu hören daß <pb/>
               <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0005864 http://viaf.org/viaf/5492147665828360670003">Mrs. Engels</persName> wohler ist u. sich über das
                    Kissen gefreut hat. Grüssen Sie sie freundlichst von mir.</p>
            <closer sameAs="MBUnterschrift">
               <signed>Toute à vous<lb/>Jenny Marx.</signed>
            </closer>
         </div>
      </body></text>
</TEI>