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            <titleStmt>
                <title><idno>140</idno>Eduard Gogarten an Karl Marx in London. Radevormwald,
                    Sonntag, 16. Mai 1869</title>
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                        <surname>Gavrilchenko</surname>
                        <forename>Svetlana</forename>
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                        <surname>Gioeva</surname>
                        <forename>Tatjana</forename>
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                        <surname>Lindenberg</surname>
                        <forename>Thomas</forename>
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                    <persName>
                        <surname>Lura</surname>
                        <forename>Caroline</forename>
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            </titleStmt><editionStmt><p/></editionStmt>
            
            <publicationStmt><publisher><ref target="https://www.bbaw.de">Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften</ref></publisher><pubPlace ref="https://www.geonames.org/2950159">Berlin</pubPlace><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)</licence></availability><idno type="URLWeb">https://megadigital.bbaw.de/</idno><idno type="URLXML">https://megadigital.bbaw.de/.xml</idno></publicationStmt>
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                <msDesc rend="manuscript">
                    <msIdentifier>
                        <institution>IISG</institution>
                        <collection>Marx-Engels-Nachlass</collection>
                        <idno><idno type="shelfmark">D 2159/D IV 175. Fotosign.
                            7760a–d</idno></idno>
                    </msIdentifier>
                    <physDesc>
                        <p>Der Brief besteht aus einem Bogen dünnem, weißem, leicht vergilbtem
                            Papier im Format 460 × 285 mm. Gogarten hat alle vier Seiten vollständig
                            beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.</p>
                        <p>Archivnummerierung auf der ersten Seite oben links mit Bleistift:
                            „175“.</p>
                    </physDesc>
                </msDesc>
            </sourceDesc>
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        <profileDesc><textClass><keywords><term>letter</term></keywords></textClass>
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                    <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0003305">Eduard Gogarten</persName>
                    <placeName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0003287 https://www.geonames.org/6557552">Radevormwald</placeName>
                    <date when="1869-05-16"/>
                </correspAction>
                <correspAction type="received">
                    <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0001374 http://d-nb.info/gnd/118578537">Karl Marx</persName>
                    <placeName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0004412 http://www.geonames.org/2643743">London</placeName>
                </correspAction>
            </correspDesc>
            <textClass>
                <keywords>
                    <term key="M0002035">Lektüren im Korrespondentenkreis</term>
                    <term key="M0002748">„Das Kapital“ (Arbeit an Manuskripten, Veröffentlichung,
                        Rezeption)</term>
                    <term key="M0002718">„Das Kapital“ (Fortsetzung)</term>
                    <term key="M5567396">Religion</term>
                </keywords>
            </textClass>
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    </teiHeader>
    <text><body>
            <div type="writingAct">
                <opener><dateline sameAs="MBDatumszeile"><pb/> Radevormwald d. 16 Mai 1869<lb/>b.
                        Barmen, Rheinpreußen</dateline><salute sameAs="MBAnrede">Hochgeehrter
                        Herr!</salute></opener>
                <p sameAs="MBTextohneEinzug">Wenn ich es mir mit Diesem erlaube, ein Schreiben an
                    Sie zu richten – so bin ich gewiß, Ihre gütige Entschuldigung zu finden, indem
                    ich Ihnen sage, daß ich einer Ihrer vielen dankbaren Schüler bin.</p>
                <p sameAs="MBTextmitEinzug">Im Jahr 1815 in der kaufmännischen Sphäre geboren, durch
                    die Verhältniße zum Kaufmann und Fabricanten bestimmt – führte mich der Grund
                    meines Characters, den ich nicht anders als Humanität bezeichnen kann – schon
                    früh zu der Einsicht der Inconvenienzen des Systems der gegenseitigen Ausbeutung
                    und dadurch, daß die materiellen Existenz- und Erwerbs Bedingungen auch allein
                    alle und jede Entwicklungsbedingungen der Menschen ausmachen und somit zu der
                    Erkenntniß, daß eine naturgemäße Oeconomie die Basis aller gesellschaftlichen
                    Einrichtungen und deren Form also die gesellschaftliche Productionsweise sein
                    muß.</p>
                <p sameAs="MBTextmitEinzug">Ordnung und Freiheit aber sind die Grundbedingung Aller
                    Cultur und löst sich daher die practische Forderung in die Vereinigung der
                    Consumtion mit der Production zu Einem einheitlich gegliederten Ganzen auf. –
                    Gebrauchswerthe statt Waarenwerth herzustellen und auf dieser Basis allein
                    Wohlstand, Bildung, Freiheit für Alle, durch Alle! die einzig mögliche Lösung
                    der <pb/> socialen durch die Arbeiterfrage und dahin drängt Alles, was wir
                    gewahren, wenn wir das Leben und die Entwicklung der Menschheit als einen
                    naturhistorischen Prozeß betrachten.</p>
                <p sameAs="MBTextmitEinzug"><ref xml:id="da10c392-301b-4efe-90c3-92301beefe61" corresp="#d68ff913-b19e-4940-8ff9-13b19ee9401a" type="editorialNote">Aber,
                            wie Sie in der <bibl type="periodika" corresp="">Neuen Rh.
                                Ztg</bibl>
                            sagten,
                            das Laokoons Ringen der Menschheit wird nicht
                            verstanden</ref><note xml:id="d68ff913-b19e-4940-8ff9-13b19ee9401a" corresp="#da10c392-301b-4efe-90c3-92301beefe61" type="editorial">Siehe <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/5KYFLRC9">[Georg Weerth:] Leben und Thaten des berühmten
                                Ritters Schnapphahnski</bibl> &lt;Fortsetzung&gt;: „Ein Mensch, der
                            sich, wie ein Laokoon, schmerzgefoltert durch die Schlangen des
                            Mißgeschickes windet: er wird unsere Herzen mit sich fortreißen, und ein
                            großer Meister wird ihn in Marmor hauen, und ein zweiter Lessing wird
                            vielleicht eine unsterbliche Kritik darüber schreiben, und kunstsinnige
                            Könige und klassische Schulmeister werden sich daran erbauen bis an den
                            jüngsten Tag.“ In: NRhZtg Nr. 106, 19. September 1849. (<ref target="https://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz106_1848/1">Digitalisat</ref>). </note> – die gewonnene neue
                    Weltanschauung bedingt jedoch auch neue Einrichtungen, solche sind aber beide
                    nicht eher möglich, bis die alten abgestorben sind.</p>
                <p sameAs="MBTextmitEinzug">Die Umwandlung unserer gesellschaftlichen Zustände an
                    den täglichen Lebenserscheinungen nachzuweisen – diese An- und Einsichten ins
                    Volksleben zu tragen, dazu möchte ich gerne nach meinen schwachen Kräften
                    mithelfen.</p>
                <p sameAs="MBTextmitEinzug">Sie haben durch Ihre <ref xml:id="a1c6b520-1918-4d23-86b5-201918bd238b" corresp="#a8ca8967-f07d-4fbe-8a89-67f07d5fbeb6" type="editorialNote"><bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/PT9GISVC">Kritik der
                                politischen Oeconomie</bibl></ref><note xml:id="a8ca8967-f07d-4fbe-8a89-67f07d5fbeb6" corresp="#a1c6b520-1918-4d23-86b5-201918bd238b" type="editorial"><bibl corresp="https://megadigital.bbaw.de/PT9GISVC">Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. Buch
                                1. Hamburg 1867.</bibl> Siehe <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000007">Erl. zu Marx an
                                J. Ph. Becker, zw. 9. u. 15.1.1866</ref>: „1200 Seiten
                                Manuscript“. <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/25ETZ5BH">(MEGA<hi rendition="#sup">2</hi> II/5)</bibl>.</note> unsere sociale
                    Krankheit so analysirt, daß dadurch eine pathologische Darstellung derselben für
                    das Volk wohl möglich wird</p>
                <p sameAs="MBTextmitEinzug">Unsere hiesigen Bestrebungen, so wohl der Schule
                        <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0009498 http://d-nb.info/gnd/118762575">Schulze-<expan resp="editor" sameAs="dottet_underline">D<ex>elitzsch</ex></expan></persName> als
                        <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0007873 http://d-nb.info/gnd/118569910">Lassalle</persName> wurzeln noch
                    immer in der capitalistischen Sphäre – sie haben aber den großen Werth, die
                    Aufmerksamkeit Aller Klassen auf den Gegenstand zu <pb/> lenken und auch in
                    Deutschland ist der Tag nicht mehr ferne, wo sich die Forderungen nicht mehr auf
                    Beseitigung der heutigen Träger – sondern auf die, des Systems selbst
                    beziehen.</p>
                <p sameAs="MBTextmitEinzug">Es hat Alles Dies bei mir den Gedanken erweckt, nach der
                    Art des freireligiösen <bibl type="periodika" corresp="">Sonntagsblatts</bibl> von <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M4616817 https://d-nb.info/gnd/117279579">Uhlich</persName>
                    – ein Sonntagsblatt zu schaffen, welches unter dem Titel: die Vereinigung – die
                    Forderung der materiell und geistig befreiten Menschen begründet, so wie deren
                    Consequenzen darlegt.</p>
                <p sameAs="MBTextmitEinzug">Gleichzeitig gegen das Machwerk us. Kopfs als auch gegen
                    das us. Hände in der als Despotismus – Hierarchie und Capital bestehenden Form,
                    soll es sich richten, und ist es der Zweck des Gegenwärtigen, Sie anzufragen, ob
                    Sie vielleicht in Deutschland oder America eine Persönlichkeit oder eine
                    Corporation kennen, welche ein solches Unternehmen, unterstützen würde? Sowie
                    ferner, ob Sie mir vielleicht einige Schriften angeben können, welche die
                    sociale Bewegung in ihrer Totalität – philosophisch – culturhistorisch und
                    naturnothwendig behandeln?</p>
                <p sameAs="MBTextmitEinzug">Sollte ich die Freude haben, einige Zeilen <pb/> von
                    Ihrer geschäzten Hand zu empfangen, so hoffe ich, daß Sie Sich wieder wohl
                    befinden und wir <ref xml:id="bb635b41-df89-496d-a35b-41df89596d43" corresp="#fc8f2f21-716a-4109-8f2f-21716af109e0" type="editorialNote">dem zweiten
                            Band
                            Ihres Werkes</ref><note xml:id="fc8f2f21-716a-4109-8f2f-21716af109e0" corresp="#bb635b41-df89-496d-a35b-41df89596d43" type="editorial"><bibl corresp="https://megadigital.bbaw.de/PT9GISVC">Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. Buch
                                1. Hamburg 1867.</bibl> Siehe <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000007">Erl. zu Marx an
                                J. Ph. Becker, zw. 9. u. 15.1.1866</ref>: „1200 Seiten
                                Manuscript“. <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/25ETZ5BH">(MEGA<hi rendition="#sup">2</hi> II/5)</bibl>. Die Manuskripte für eine
                            Fortsetzung des „Kapital“, an denen Marx bis zum Ende seines Lebens
                            weiterarbeitete, wurden erst nach seinem Tod von Engels veröffentlicht.
                            Ausführlicher dazu siehe <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0004898">hier</ref>.</note>
                    bald entgegensehen dürfen, dem ich für unser Jahrhundert dieselbe Einwirkung
                    zuschreiben, welche <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0007599 http://d-nb.info/gnd/118559796">Kant</persName>s <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/8TEZ7EYD">Kritik der reinen
                        Vernunft</bibl> zu Anfang des vorigen Jahrhunderts hervorbrachte.</p>
                <p sameAs="MBTextmitEinzug">Wir nähern uns der Zeit, wo eine denkenden
                    Naturbetrachtung mit Allen Hülfsmitteln nach Allen Richtungen Platz greift und
                    wie <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0009402 http://d-nb.info/gnd/118607626">Schiller</persName>
                    <ref xml:id="febae7ef-ff35-4487-bae7-efff35f487a5" corresp="#a2dcaaac-ecbb-4328-9caa-acecbb23287c" type="editorialNote">die
                            drei Zeitalter der
                            Natur</ref><note xml:id="a2dcaaac-ecbb-4328-9caa-acecbb23287c" corresp="#febae7ef-ff35-4487-bae7-efff35f487a5" type="editorial">Friedrich Schiller: Die drei Alter der
                            Natur.</note> beschreibt:</p>
                
               <p> <lg type="poem">
                    <l>Leben gab ihr die Fabel –</l>
                    <l>die Schule hat sie entseelet –</l>
                    <l>Schaffendes Leben aufs Neu</l>
                    <l>gibt die Vernunft ihr zurück. –</l>
                </lg></p>
               
                
                <closer sameAs="MBUnterschrift"><salute>Genehmigen Sie die Versicherung meiner vollständigen<lb/>Hochachtung und Ergebenheit</salute>
                    <signed>Eduard Gogarten.</signed>
                </closer>
            </div>
        </body></text>
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