<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="M0000641">
   <teiHeader>
      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title>
               <idno>139</idno>Joseph Dietzgen an Karl Marx in London. Sankt
                                        Petersburg, Mittwoch, 20. Mai 1868</title>
         </titleStmt><editionStmt><p/></editionStmt>
         <publicationStmt><publisher><ref target="https://www.bbaw.de">Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften</ref></publisher><pubPlace ref="https://www.geonames.org/2950159">Berlin</pubPlace><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)</licence></availability><idno type="URLWeb">https://megadigital.bbaw.de/</idno><idno type="URLXML">https://megadigital.bbaw.de/.xml</idno></publicationStmt>
         <sourceDesc>
            <msDesc rend="manuscript">
               <msIdentifier>
                  <institution>IISG</institution>
                  <collection>Marx-Engels-Nachlass</collection>
                  <idno>
                     <idno type="shelfmark">D 1031/D II 17
                                                  Fotosign. 2331a-h</idno>
                  </idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Der Brief besteht aus einem Bogen mittelstarkem,
                                                  weißem Papier im Format 420 × 270 mm. Alle vier
                                                  Seiten hat Dietzgen vollständig beschrieben.
                                                  Schreibmaterial: schwarze Tinte.</p>
                  <p>Die Schreibweise wurde nicht berichtigt.</p>
               </physDesc>
               <additional>
                  <listBibl>
                     <bibl>RGASPI f. 1 op. 5 d. 1856</bibl>
                  </listBibl>
               </additional>
            </msDesc>
            <listWit>
               <witness>
                  <bibl corresp="https://megadigital.bbaw.de/V32HWDPM">Erstveröffentlichung: in russischer Übersetzung:
                                                  Письма И. Дицгена к К. Марксу и Ф. Энгельсу
                                                  (1958). S. 139/140.</bibl>
               </witness>
               <witness>
                  <bibl corresp="https://megadigital.bbaw.de/WBSRNUSG">in der
                                                  Sprache des Originals:
                                                  Dietzgen:
                                                  Schriften in drei Bänden. Bd. 3
                                                  (1965).
                                                S. 404–409.</bibl>
               </witness>
            </listWit>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <profileDesc><textClass><keywords><term>letter</term></keywords></textClass>
         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0006324 http://d-nb.info/gnd/118525646">Dietzgen, Joseph
                                                (Josef) (1828-1888)</persName>
               <placeName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0001396 http://www.geonames.org/2988507">Sankt Petersburg</placeName>
               <date when="1868-05-20"/>
            </correspAction>
            <correspAction type="received">
               <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0001374 http://d-nb.info/gnd/118578537">Karl Marx</persName>
               <placeName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0004412 http://www.geonames.org/2643743">London</placeName>
            </correspAction>
            <correspContext>
               <ref type="prev" target="https://megadigital.bbaw.de/M0000632"/>
            </correspContext>
            <note>Dietzgen beantwortet einen nur in einem kurzen Auszug
                                        überlieferten Brief von Marx vom 9. Mai 1868 (<ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000632">Marx
                                                an J. Dietzgen, 9.5.1868</ref>);
                                        siehe
                                        „Ihr
                                        lieber Brief vom 9t Mai“.</note>
         </correspDesc>
         <textClass>
            <keywords>
               <term key="M0002997">Journalismus/Publizistik</term>
               <term key="M0002748">„Das Kapital“ (Arbeit an Manuskripten,
                                                Veröffentlichung, Rezeption)</term>
               <term key="M0001474">Philosophie</term>
               <term key="M0002035">Lektüren im Korrespondentenkreis</term>
               <term key="M0002718">„Das Kapital“ (Fortsetzung)</term>
            </keywords>
         </textClass>
      </profileDesc>
      
   </teiHeader>
   <text><body>
         <div type="writingAct">
            <opener>
               <dateline sameAs="MBDatumszeile">
                  <pb/> Wladimir-Lederfabrik,
                                                St. Petersburg 20. Mai 1868.</dateline>
               <salute sameAs="MBAnrede">Hochverehrter Freund,</salute>
            </opener>
            <p rend="MBTextOhneEinzug" style="text-align:both; ">Es freut mich
                                        unendlich daß <ref xml:id="b645af12-a415-4d93-85af-12a415bd93b3" corresp="#a0cdd788-962d-4b3b-8dd7-88962dfb3bc6" type="editorialNote">Ihr lieber Brief vom
                                                  9t Mai</ref><note xml:id="a0cdd788-962d-4b3b-8dd7-88962dfb3bc6" corresp="#b645af12-a415-4d93-85af-12a415bd93b3" type="editorial">
                     <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000632"> Siehe den überlieferten
                                                  Abschnitt des Briefes von
                                                  Marx
                                                  an J. Dietzgen,
                                                  9.5.1868</ref>
                  </note> und
                                        Ihr Beispiel mir die Erlaubniß gibt, Sie so nennen zu
                                        dürfen. Man verehrt wohl Manchen in der Adresse. Sie aber
                                        bitte ich um die Erlaubniß Ihnen sagen zu dürfen und es für
                                        mehr als eine artige Redensart gelten zu lassen, daß ich das
                                        Ideal eines eminenten Denkers, eines unerreichten Stylisten,
                                        eines wahrhaftigen, furchtlosen Charakters und eines
                                        thatkräftigen Mannes in Ihnen verehre.</p>
            <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align:both; ">Wie sollte nun
                                        das freundliche Entgegenkommen eines so hochgeschätzten
                                        Meisters nicht den Schüler erfreuen? Ich verdanke Ihnen das
                                        Verständniß für die geschichtliche Bewegung der Menschheit,
                                        ein Schatz, der mich über sehr viele Widerwärtigkeiten des
                                        Lebens und über <hi rendition="#u">alle</hi>
                                        Erbärmlichkeiten meiner Zeit und meiner Umgebung emporhebt.
                                        Noch mehr! Indem Sie mir einen Einblick in das allgemeine
                                        Wesen der bürgerlichen Oekonomie eröffneten, befähigten Sie
                                        mich gleichzeitig meinen Privat-Standpunkt innerhalb dieser
                                        Gesellschaft <hi rendition="#u">mit Bewusstsein</hi> zu
                                        besetzen. Diesem Bewusstsein verdanke ich zu einem großen
                                        Theile den guten Erfolg, dessen ich bisher mich in diesem
                                        unvermeidlichen bürgerlichen Leben rühmen durfte.</p>
            <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align:both; ">Ihren Vorschlag
                                                <ref xml:id="d30a3e6c-bf0d-40cf-8a3e-6cbf0d90cf8d" corresp="#b9e3e2e9-3f5b-4996-a3e2-e93f5b09963a" type="editorialNote">eine Empfehlung Ihres
                                                  letzten <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/PT9GISVC">Werkes</bibl> zu
                                                  verfassen</ref><note xml:id="b9e3e2e9-3f5b-4996-a3e2-e93f5b09963a" corresp="#d30a3e6c-bf0d-40cf-8a3e-6cbf0d90cf8d" type="editorial">Dietzgen verfasste eine Besprechung des <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/PT9GISVC">„Kapital“</bibl> und schickte diese an Marx am 3.
                                                  Juli 1868 (<ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0005083">Dietzgen
                                                  an Marx, 3.7.1868</ref>: „Mit
                                                  Gegenwärtigem übersende Ihnen meinen Versuch
                                                  ...“). Siehe auch <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000678">Marx
                                                  an Engels, 11.7.1868</ref> und
                                                  <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000679">Marx
                                                  an L. Kugelmann,
                                                  11.7.1868</ref>. Mit einem
                                                  nicht überlieferten Brief an <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0007983 http://d-nb.info/gnd/118572768">Wilhelm Liebknecht</persName>,
                                                  geschrieben zwischen dem 11. und 17. Juli 1868
                                                  (siehe <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000682">Liebknecht
                                                  an Marx, 17.7.1868</ref>),
                                                  übersandte er die Besprechung an Liebknecht, der
                                                  den Artikel veröffentlichte: Joseph Dietzgen: Das
                                                  Kapital. Kritik der politischen Oekonomie von Karl
                                                  Marx. Hamburg 1867. In: Demokratisches
                                                  Wochenblatt. Leipzig. Nr. 31, 34, 35 und 36, 1.
                                                  vom 22., 29. August und 5. September 1868.
                                                  Digitalisat des FES: <ref target="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=DE01031">Nr. 31</ref>, <ref target="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=DE01034">34</ref>, <ref target="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=DE01035">35</ref>, <ref target="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=DE01036">36</ref>.</note>, bin ich wohl in der Lage
                                        anzunehmen. Meine Stellung ist durchaus independent und darf
                                        ich nicht scheuen, mit meinem Namen zu unterzeichnen. Wohl
                                        vermag Armuth zu demüthigen, doch bedürfte es viel davon,
                                        bevor ich so demüthig werden könnte, mir die Freiheit der
                                        Gedankenäußerung zu beschränken. „Rücksichtslosigkeit“ ist
                                        ein Wort, das – entschuldigen Sie die romantische Wendung –
                                        ich mir als Devise erwählte. Aus Ihren Schriften spricht
                                        dieselbe in einer Art, welche ich von jeher bewunderte und
                                        nacheiferte. Im Denken und bei <hi rendition="#u">wesentlichen Anlässen</hi> auch im Leben thue ich
                                        mir genug darin. Aber im allgemeinen Verkehr besitze ich
                                        zunächst das gerade Gegentheil, eine <pb/> große
                                        Geschmeidigkeit und Nachgiebigkeit des Charakters. Es ist
                                        eine solche Eigenschaft eine Sache, welche, wie alle Dinge,
                                                <hi rendition="#u">manichfaltig erscheint</hi>: bald
                                        als Laster, bald als Tugend, bald als Mangel, bald als
                                        Talent. So glaube ich das Talent zu besitzen, meine extreme,
                                        rücksichtslose Denkungsweise bei Personen und Verhältnissen
                                        insinuiren zu können, wo dergleichen sonst durchaus verpönt
                                        und unzulässig ist. D. h. ich schmeichle mir zur
                                        Popularisirung der von Ihnen zu Tage geförderten
                                        wissenschaftlichen Schätze beitragen zu können. Mit dem
                                        Versuch habe ich bereits begonnen.</p>
            <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align:both; ">Gleichzeitig mit
                                        diesem sende ich Ihnen <ref xml:id="ce4171fe-7139-4280-8171-fe7139628066" corresp="#aac3ed62-4ee9-48c0-83ed-624ee968c0fa" type="editorialNote">unter
                                                  Kreuzband</ref><note xml:id="aac3ed62-4ee9-48c0-83ed-624ee968c0fa" corresp="#ce4171fe-7139-4280-8171-fe7139628066" type="editorial">D. h.
                                                  als Drucksache.</note>
               <ref xml:id="a54e0ff7-f8f5-4c86-8e0f-f7f8f54c8699" corresp="#e9038985-dac9-4203-8389-85dac9220399" type="editorialNote">einige
                                                  kleine
                                                  Artikel von mir, welche von dem
                                                  Organ eines hiesigen
                                                  Handwerker-Vereins
                                                  aufgenommen sind</ref><note xml:id="e9038985-dac9-4203-8389-85dac9220399" corresp="#a54e0ff7-f8f5-4c86-8e0f-f7f8f54c8699" type="editorial">Vermutlich ist die St. Petersburger Gesellschaft
                                                  der ausländischen Handwerker „<orgName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0003971">Palme</orgName>“ gemeint, dessen
                                                  Organ das <bibl type="periodika" corresp="">„Palmblatt“</bibl> war.
                                                  Dietzgen
                                                  war ab 1866 Mitglied der
                                                  „Palme“. Zwischen 1866 und 1868
                                                  sind im „Palmblatt“ mehrere Artikel  (u. a. Einige
                                                  Worte über das Wesen des Geldes; Die Lassalleschen
                                                  Ideen; Die Soziale Frage (Wirtschaftskrisen);
                                                  Arbeit und Kapital; Die Kunst und das Handwerk;
                                                  Die Wissenschaft und das Handwerk) von ihm
                                                  erschienen. (Siehe <bibl type="secondary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/AD49CE45">Huck: Joseph Dietzgen (1979)</bibl>. S.
                                                  47).</note>. Letzterer ist von der
                                        russischen Regierung unter die ehrwürdige Obhut der
                                        evangelischen Pastores gestellt, und von dieser Diktatur so
                                        bedrückt, daß er fortwährend nach Luft schnappt. So war es
                                        mir hier nicht vergönnt, das zu sagen, was ich eigentlich
                                        auf dem Herzen hatte. Die Matadores sind enragirte Troßleute
                                        von <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0009498 http://d-nb.info/gnd/118762575">Schulze-Delitzsch</persName>.
                                        So schrieb ich denn in der Hoffnung allmählich die
                                        widerstrebenden Antipathien durch die Macht der Wahrheit
                                        soweit besiegen zu können; schließlich die Sache nakter und
                                        unverhüllter darstellen zu dürfen. Auch habe ich mir noch
                                        ein anderes Terrain erschlossen. Die „<bibl type="periodika" corresp="">Gerber-Zeitung</bibl>“ in Berlin, der ich öfter
                                        Fach-Beiträge lieferte, hat mir versprochen einen Cyklus von
                                                „<bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/AQ9TW4ND">Skizzen aus dem Gebiete der
                                                politischen Oekonomie</bibl>“ aufzunehmen. Einige
                                        sind bereits geschrieben und in Händen der Redaktion. Ich
                                        beabsichtige damit die Resultate Ihrer Forschungen dem
                                        Verständniß der deutschen Gerber mundgerecht zu machen, und
                                        am Schlusse, in einem besonderen Artikel auf <ref xml:id="aa10011d-da94-42e6-9001-1dda9452e6b0" corresp="#dc4e69af-3284-41a1-8e69-af328411a149" type="editorialNote">Ihr <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/PT9GISVC">Werk</bibl>
                  </ref><note xml:id="dc4e69af-3284-41a1-8e69-af328411a149" corresp="#aa10011d-da94-42e6-9001-1dda9452e6b0" type="editorial">
                     <bibl corresp="https://megadigital.bbaw.de/PT9GISVC">Karl Marx:
                                                  Das Kapital. Bd. 1. Buch 1. Hamburg 1867.</bibl>
                                                  Siehe Erl. zu „1200 Seiten Manuscript“ in <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000007">Marx an J. Ph. Becker, zw. 9. u.
                                                  15.1.1866</ref>. <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/25ETZ5BH">(MEGA<hi rendition="#sup">2</hi>
                                                  II/5)</bibl>.</note> zu verweisen, dem der
                                        Inhalt dieser Skizzen entnommen sei. Ich gebrauche die
                                        Taktik dem Vorurtheil der Menschen scheinbar Konzession zu
                                        machen, nur damit man mich näher heranlässt und also der
                                        Angriff wirksamer wird. Jedoch fehlt es mir auch nicht an
                                        Muth, wo es der Zweck erfordern kann, meine Ueberzeugung
                                        aufs entschiedenste mit Wort und That und Namen zu
                                        vertreten. Die Frage unserer herrschenden Klassen ist, not
                                        to be, but to seem. Ich <hi rendition="#u">hasse</hi> dies
                                        scheinheilige, hohle, windbeutelige Wesen aus dem Grunde
                                        meiner Seele, mache ihm im Großen u. Kleinen, im Thun und
                                        Denken Opposition. Doch habe ich deshalb die Liebe nicht
                                        verloren, ich suche auch
                                        am
                                        Akord. Und gerade das denke ich, und Sie
                                        werden beistimmen, ist das Beste unserer gemeinschaftlichen
                                        <pb/> Anschauungsweise, daß sie lehrt, <hi rendition="#u">alles</hi> was da <hi rendition="#u">ist</hi>
               <hi rendition="#u">,</hi> als nothwendiges Glied des
                                        Ganzen zu verstehen, daß sie uns versöhnt mit der einzelnen
                                        Mangelhaftigkeit durch das Bewusstsein, das Vollkommene im
                                        Ganzen zu besitzen. Das Wesen der Dinge besteht aus der
                                        Summe ihrer Scheinbarkeiten, das Absolute ist aus Relativem
                                        zusammengesetzt u.s.w.</p>
            <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align:both; ">Ich freue mich
                                        Ihrer Erlaubniß, Ihnen von meinem philosophischen
                                        Gedankenspänen <hi rendition="#u">mehr</hi> mittheilen zu
                                        dürfen, und gedenke bald einen weiteren <ref xml:id="a76f8cfa-f921-452f-af8c-faf921252f1e" corresp="#eebabc51-9780-420c-babc-519780820cd4" type="editorialNote">Gebrauch davon zu machen</ref><note xml:id="eebabc51-9780-420c-babc-519780820cd4" corresp="#a76f8cfa-f921-452f-af8c-faf921252f1e" type="editorial">Dietzgen stellte seine
                                                  philosophischen Überlegungen in einem Aufsatz
                                                  zusammen und übersandte das Manuskript an Marx
                                                  (siehe <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000753">Dietzgen
                                                  an Marx, 24.9.1868</ref>. Es
                                                  erschien später als: <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/7NKA84MV">[Joseph Dietzgen:] Das Wesen der menschlichen
                                                  Kopfarbeit. Dargestellt von einem Handarbeiter.
                                                  Eine abermalige Kritik der reinen und praktischen
                                                  Vernunft. Hamburg 1869</bibl>. Siehe <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0005083">Dietzgen
                                                  an Marx, 3.7.</ref>, <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000753">24.9.</ref>,
                                                  <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000773">Marx
                                                  an Engels, 4.10.1868</ref>,
                                                  <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000812">Marx
                                                  an S. Meyer, 28.10.</ref>, <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000821">Engels
                                                  an Marx, 6.11.1868</ref> und
                                                  Erl.</note>. In meinen freien Stunden
                                        beschäftigt mich nunmehr die Darstellung, daß die Erkenntniß
                                        des menschlichen Denkvermögens, die Erkenntniß, daß Denken
                                        im allgemeinen darin besteht, aus sinnlich Gegebenem, aus
                                        Besonderm das Allgemeine zu entwickeln – daß diese
                                        Wissenschaft <hi rendition="#u">die Quelle</hi> der von der
                                        spekulativen Philosophie solange erfolglos erstrebten
                                        systematischen Weltanschauung enthält. Die Spekulation
                                        unterscheidet sich von andern Wissenschaften, von der
                                        Naturwissenschaft eben durch das Mißverständniß dieser
                                        Thatsache, des Denkprozesses. Sie glaubte ohne besonderes
                                        Material, ohne Sinnlichkeit, ohne Erscheinung Wahrheit,
                                        Absolutes finden zu können. Die Naturwissenschaft sucht die
                                        Wahrheit am Objekt, die spek. Philosophie in sich, im
                                        Denkvermögen. Das Denkvermögen war das wirkliche, aber
                                        unbewusste Objekt der Philosophie. Alle andern
                                        Wissenschaften unterscheiden sich durch ihre <hi rendition="#u">Objekte</hi>
               <hi rendition="#u">,</hi>
                                        die Philosophie durch ihre objektlose <hi rendition="#u">Methode</hi>. Sie hat diese Methode bis zu einem
                                        Exzeß kultivirt, wo es offenbar wurde, daß das <hi rendition="#u">Organ</hi> womit alle Wissenschaften
                                        gemeinschaftlich arbeiten, das <hi rendition="#u">heimliche</hi> Objekt dieser Methode war. Daraus
                                        folgte das Resultat: irgend ein Objekt, Sinnlichkeit ist
                                        Voraussetzung des Denkens, Erscheinung Voraussetzung der
                                        Wahrheit, das Wesen einer Sache, das wahre Recht, das wahre
                                        Gut, die wahre Schönheit, kann nur in der Erscheinung, nur
                                        in seinem Gegensatz, nur im Besonderen <hi rendition="#u">wirklich sein</hi>. Der gesunde Menschenverstand
                                        und die Naturwissenschaft haben diese Lehre immer <hi rendition="#u">praktizirt</hi>
               <hi rendition="#u">,</hi> aber <hi rendition="#u">nicht gewusst</hi>
                                        und praktiziren deshalb nebenbei auch spekulativ. Der
                                        Naturwissenschaft ergeht es, wie <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0007978 http://d-nb.info/gnd/118572741">Liebig</persName> von den Bauern sagt:
                                        Die
                                        Kartoffel <hi rendition="#u">gerathen</hi> ihnen, aber sie
                                        pflanzen nicht <hi rendition="#u">wissenschaftlich</hi>,
                                        nicht mit Vorausbestimmung des
                                        Erfolgs.</p>
            <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align:both; ">Entschuldigen
                                        Sie, daß ich so schwatzhaft bin. Wenn Sie erlauben, werde
                                        ich Ihnen bald ein kleines Manuscript zusenden, mit der
                                        Bitte mir Ihre Belehrungen darüber und Ausstellungen daran
                                        nicht vorzuenthalten. Ich reise in den nächsten <pb/> Tagen
                                        in Familien-Angelegenheiten nach meiner rheinischen Heimath.
                                        Villeicht sende ich schon von dort aus etwas an Sie ab.
                                        Nachrichten von Ihnen werden mich immer sehr erfreuen, doch
                                        wünsche ich ganz und gar nicht, daß Sie deshalb ihre
                                        Arbeiten unterbrechen, oder sich irgendwie Zwang anthun.</p>
            <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align:both; ">Zu hören, daß
                                        Krankheit Sie von der <ref xml:id="a76a1c1b-e512-4b59-aa1c-1be5126b5917" corresp="#d7b8a673-7969-41b8-b8a6-737969f1b825" type="editorialNote">Vollendung
                                                  Ihres Werkes</ref><note xml:id="d7b8a673-7969-41b8-b8a6-737969f1b825" corresp="#a76a1c1b-e512-4b59-aa1c-1be5126b5917" type="editorial">
                     <bibl corresp="https://megadigital.bbaw.de/PT9GISVC">Karl Marx: Das
                                                  Kapital. Bd. 1. Buch 1. Hamburg 1867.</bibl> Siehe
                                                  Erl. zu „1200 Seiten Manuscript“ in <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0000007">Marx an J. Ph. Becker, zw. 9. u.
                                                  15.1.1866</ref>. <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/25ETZ5BH">(MEGA<hi rendition="#sup">2</hi> II/5)</bibl>.
                                                  Der geplante zweite Band des „Kapital“ sollte
                                                  ursprünglich Buch 2 und Buch 3 enthalten. Siehe
                                                  Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen
                                                  Oekonomie. Erster Band. Buch I. Vorwort (<bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/25ETZ5BH">MEGA<hi rendition="#sup">2</hi> II/5</bibl>. S.
                                                  <ref target="http://telota.bbaw.de/mega/#%3Fdoc=MEGA_A2_B005-00_ETX.xml%26book=5%26part=0%26pageNr=14%26startPage=%26endPage=%26startLine=%26endLine=%26startTerm=%26endTerm=">14</ref>). Die Manuskripte zum zweiten und
                                                  dritten Buch des „Kapital“, an denen Marx bis zum
                                                  Ende seines Lebens weiterarbeitete, wurden erst
                                                  nach seinem Tod von Engels als Band 2 und Band 3
                                                  veröffentlicht. Ausführlicher dazu siehe <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0004898">hier</ref> (Exkurs zur
                                                  Fortsetzung des „Kapital“).</note>
                                        vielfältig zurückhält, hat mich tief betrübt. Daß der Inhalt
                                        diesem großmäuligen <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0007277  http://d-nb.info/gnd/116675047">Carl
                                                Heinzen</persName> unverständlich ist, liegt an der
                                        geringen Kultur seines Gehirns. Das Schweigen der Journale
                                        hat mich längst ennuyirt, aber die Köpfe der Menschen sind
                                        nun einmal so mit Vorurtheilen vollgepfropft, daß Licht
                                        ihnen nur in sehr winzigen homöopathischen Dosen beigebracht
                                        werden kann. Was Sie geben ist zu stark für diese vernagelte
                                        Welt. Sie werden um soweniger erwarten dürfen eine Ausnahme
                                        zu machen von den bisherigen Heroen der Wissenschaft, als
                                        Sie sich gerade die unzugänglichste Stelle zum Objekt
                                        erwählt haben. Die Leute sind nie dummer, als wenn sie sich
                                        in ihren pekuniären Interessen verletzt glauben. Man muß
                                        Geduld mit ihnen haben, le jour esperé, le jour inévitable
                                        viendra.</p>
            <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align:both; ">Sobald ich <ref xml:id="ba36f2ac-5519-469d-b6f2-ac5519b69d98" corresp="#ce4ddaed-3074-44c5-8dda-ed307494c5b0" type="editorialNote">von meiner Reise zurück
                                                  bin</ref><note xml:id="ce4ddaed-3074-44c5-8dda-ed307494c5b0" corresp="#ba36f2ac-5519-469d-b6f2-ac5519b69d98" type="editorial">Siehe <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M0005083">J.
                                                  Dietzgen
                                                  an Marx, 3.7.1868</ref>: „...
                                                  ich auf 4 Wochen von hier zu meinen Eltern nach
                                                  Siegburg, bei Köln a/Rh. verreist
                                                war.“).</note>, werde ich mich daran machen,
                                        einen <ref xml:id="b06c006f-32d9-4906-ac00-6f32d9190627" corresp="#acb1f95f-927b-4478-b1f9-5f927b6478be" type="editorialNote">Artikel</ref><note xml:id="acb1f95f-927b-4478-b1f9-5f927b6478be" corresp="#b06c006f-32d9-4906-ac00-6f32d9190627" type="editorial">Siehe oben.</note>
                                        abzufassen, welcher den Arbeitern das Studium Ihres
                                        unschätzbaren Werkes ans Herz legen soll. Und sobald ich
                                        dann mit meinem
                                        „Denkvermögen“
                                        zu Ende bin, will ich mehr dafür thun. Ein sehr warmes Herz
                                        trage ich sowohl für die geistige Erkenntniß, wie für die
                                                <hi rendition="#u">facktische</hi> Bewegung der
                                        socialen Fragen. Dagegen mit starken Hoffnungen an das nahe
                                        Ende der kapitalistischen Wirthschaft trage ich mich nicht.
                                        Trotzdem glaube ich früher an das Faktum, als an die
                                        allgemeine Erkenntniß. In unserm Jahrhundert und, fürchte
                                        ich, wohl auch noch im nächsten wird der Instinkt mehr an
                                        der Weltgeschichte fördern, als das Bewusstsein. Wir
                                        arbeiten da an einer Sache, die langsamer wächst, langsamer
                                        steigt, als wir persönlich fallen, absterben. Unterdessen
                                        muß uns die Freude am Wachsthum genügen. – Die Arbeiter in
                                        Genf scheinen wohl ihre Sache am besten zu verstehn? Als mir
                                        vorigen Herbst zum erstenmale die „<bibl type="periodika" corresp="">Vorboten</bibl>“ zu Gesicht kamen,
                                        habe ich mich ungemein gefreut über dieß Lebenszeichen.</p>
            <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align:both; ">Mit der
                                        Versicherung, daß ich wünsche, Sie möchten mir Gelegenheit
                                        geben, Ihnen meine Verehrung und Dankbarkeit bezeugen zu
                                        können</p>
            <closer sameAs="MBUnterschrift">
               <signed>bleibe ich<lb/>Ihr
                                        ergebener<lb/>Joseph Dietzgen</signed>
            </closer>
         </div>
      </body></text>
</TEI>