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         <titleStmt>
            <title>
               <idno>487</idno>Karl Kaub an Karl Marx in London. Paris, Sonntag, 22. Dezember
          1867</title>
         </titleStmt><editionStmt><p/></editionStmt>
         
         <publicationStmt><publisher><ref target="https://www.bbaw.de">Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften</ref></publisher><pubPlace ref="https://www.geonames.org/2950159">Berlin</pubPlace><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)</licence></availability><idno type="URLWeb">https://megadigital.bbaw.de/</idno><idno type="URLXML">https://megadigital.bbaw.de/.xml</idno></publicationStmt>
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            <msDesc rend="manuscript">
               <msIdentifier>
                  <institution>RGASPI</institution>
                  <idno>
                     <idno type="shelfmark">f. 1 op. 5 d. 1796</idno>
                  </idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Der Brief besteht aus zwei Bogen mittelstarkem, weißem Papier im Format 245 × 184 bis
              187 mm. Wasserzeichen: „Lacroix Frères“. Alle acht Seiten hat Kaub vollständig
              beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.</p>
                  <p>Archivsignatur des Moskauer Marx-Engels-Instituts (IMĖ): „RJ 189&lt;a–h&gt;“.</p>
                  <p>
                     <hi rend="bold">Die Schreibweise wurde nicht berichtigt.</hi>
                  </p>
               </physDesc>
            </msDesc>
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               <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0007622 1014674">Karl Kaub</persName>
               <placeName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0001619 http://www.geonames.org/2988507">Paris</placeName>
               <date when="1867-12-22"/>
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               <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0001374 http://d-nb.info/gnd/118578537">Karl Marx</persName>
               <placeName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0004412 http://www.geonames.org/2643743">London</placeName>
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         </correspDesc>
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            <keywords>
               <term key="M0004068">Frankreich</term>
               <term key="M0002748">„Das Kapital“ (Arbeit an Manuskripten, Veröffentlichung,
            Rezeption)</term>
               <term key="M0001544">Ökonomie</term>
            </keywords>
         </textClass>
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                  <pb/>
                  
                  33.
            Rue des trois Couronnes, du Temple<lb/>Paris Décembre 22/1867</dateline>
               <salute>Lieber Marx,</salute>
            </opener>
            <p>
               <ref xml:id="ed250f1e-86c3-467d-a50f-1e86c3667d1f" corresp="#c9b1669e-1304-46ae-b166-9e130476ae3a" type="editorialNote">
                     <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0007268  http://d-nb.info/gnd/118547739">Hegel</persName>
              bemerkt irgendwo, daß wenn der Mensch verrückt wird, er im Kopf anfängt.</ref><note xml:id="c9b1669e-1304-46ae-b166-9e130476ae3a" corresp="#ed250f1e-86c3-467d-a50f-1e86c3667d1f" type="editorial">Nicht
              nachgewiesen. </note> Ich habe in letzter Zeit an mir selbst
          u. andern, die höchst interessante Beobachtung gemacht, daß, wenn er dumm wird, in
          demselben Theile des Körpers die ersten Symptome sich zeigen.</p>
            <p>Würde ich Dir, mein guter Marx sagen, daß ich aus Nachlässigkeit Dir so lange nicht
          geschrieben, so könnte mich heute Dein gerechter Tadel treffen; aber Dummheit – gegen
          welche Götter selbst vergeblich kämpfen – Dummheit muß man mir verzeihen. Sie ist ja dazu
          das einzige Bollwerk der Gesellschaft; bei mir hat sie sich in folgender Weise kund
          gethan: Ich hatte kurze Zeit nachdem Du mir so freundschaftlichst Dein längst ersehntes
            <ref xml:id="fa585770-d6ad-4737-9857-70d6ad373702" corresp="#fb1c987f-16c1-4615-9c98-7f16c16615cf" type="editorialNote">
                     <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/PT9GISVC">Werk</bibl>
                  </ref><note xml:id="fb1c987f-16c1-4615-9c98-7f16c16615cf" corresp="#fa585770-d6ad-4737-9857-70d6ad373702" type="editorial">
                     <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/PT9GISVC">Karl Marx. Das Kapital. Bd. 1. Buch 1. Hamburg
            1867</bibl>.</note> hattest zukommen machen, einen langen, tiefen, rührend
          philosophischen Brief an Dich geschrieben, als ich ihn aber noch einmal, wie sich das
          gebührt, durchlas, fand ich, daß ich unter andern Schnitzern, auch den gemacht hatte, das
          Wort Paris am Ende mit ß zu schreiben. Diese Schande durfte ich mir doch nicht zu Schulde
          kommen lassen. Ich fing zuerst damit an, einen Tintenklex daraus zu machen – mein ß
          schimmerte aber unbarmherzig durch, wie der erste große Fehlschritt einer Jungfrau, selbst
          durch geschlossene Augen – so konnte es nicht bleiben. Ich entschließe mich zu kratzen und
          zu wischen, bis erst ein Löchelchen u. dann ein Loch d’raus wurde. Die ersten 2 Seiten
          waren abzuschreiben. Ich legte ihn bei Seite und so lag er noch bis gestern Früh! Meine
          news waren stale geworden u. das Loch war immer nicht geheilt, wie die Wunde eines weichen
          Herzens (!) Heute steht er aber wieder glorreich von der Asche auf (denn der andre ist
          gestorben) und thut sich Kund in diesen zierlichen Zeilen – – Christmass hab’ ich doch die
          Courage nicht,
          <pb/>
               
               stockstill
          u. stumm vorübergehn zu lassen. Gott sei Dank hab’ ich auch jetzt die Idee aufgegeben, mit
            <hi rendition="#u">keinem</hi> orthographischen Fehler mehr dick thun zu wollen, u. Du
          wirst mir deßwegen nicht aus dem Wege gehen – Du kannst ja <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0002740  http://d-nb.info/gnd/11857213X">Lessner</persName> lesen. – Unsereiner schreibt so selten – zweimal im Jahr ist oft!
          Zudem ist ja Nachsicht die illegitime Tochter der Frau Vorsicht, u. wäre die Vorsicht kein
          so dummduseliges Weibsbild gewesen, das sich blos mit alten vertrockneten Gemüthern
          verkuppelt hätte, so hätte sie sehr wahrscheinlich noch andere Kinder zum Wohl der
          Menschheit erzeugt.</p>
            <p>––– –––</p>
            <p>Vor allen andern Dingen also meinen allerherzlichsten Dank für Dein Buch. Wenn ich
          nächstens meine sämmtliche Werke herausgeben werde, sollst Du auch ein Exemplar haben. Ich
          muß Dich aber bei dieser Gelegenheit dennoch à l’ordre rufen, au sujet daß Du mich <hi rendition="#u">Wilhelm</hi> nanntest. – Wilhelm! welch’ fataler Name! Wenn ich in meinem
          düstern Leben noch je beschissen worden bin, so ist es regelmäßig sicher von einem Wilhelm
          gewesen – der Teufel hatte sein Spiel, und der Mensch hat dabei so seine kleinen
          Schwächen. Man liebt od. haßt tode Gegenstände u. Namen, trotz dem man weiß daß blos
          Personen einem etwas zu Leide gethan haben. Ich habe mich ebenso kindisch immer gefreut,
          daß mein Vorname Karl ist, denn die meisten Karlisten sind immer ganz passable Leute
          gewesen, von <ref xml:id="d93414fb-eadb-464f-b414-fbeadba64fd6" corresp="#b8da2af0-0eed-4192-9a2a-f00eed919263" type="editorialNote">
                     <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0011334 http://d-nb.info/gnd/118560034">Carolus
            magnus</persName>
                  </ref><note xml:id="b8da2af0-0eed-4192-9a2a-f00eed919263" corresp="#d93414fb-eadb-464f-b414-fbeadba64fd6" type="editorial">
                     <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0011334 http://d-nb.info/gnd/118560034">Karl I., der Große</persName>.</note> angerechnet, bis auf uns Beide herab.
            <ref xml:id="a71f552a-919e-4cc4-9f55-2a919edcc4b1" corresp="#cda45a37-1f03-438c-a45a-371f03638c0c" type="editorialNote">In der 1859 erschienen Kritik</ref><note xml:id="cda45a37-1f03-438c-a45a-371f03638c0c" corresp="#a71f552a-919e-4cc4-9f55-2a919edcc4b1" type="editorial">
                     <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/TRVS3BVD">Karl Marx:
                Zur Kritik der Politischen Oekonomie. Erstes Heft. Berlin 1859.</bibl> (<bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/RDLJVE6F">MEGA<hi rendition="#sup">2</hi> II/2</bibl>. <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/FVMQ2W9Y">S. 95–245</bibl>.)</note>, die
          Du auch so liebenswürdig warst, mir zum Andenken zu geben, hattest Du das Kind beim
          rechten Namen genannt. Mache Dir aber, lieber alter, darum kein böses Blut, ich will mich
          auch Dir zuliebe einmal Wilhelm nennen lassen, wenn’s sein muß.</p>
            <p>Ich habe schon fast alles gelesen u. freute mich göttlich als ich meine Uhrmacherdetails
          wiederfand. Ich hab’s doch weit gebracht in der Welt, wenn man’s so recht bedenkt! Meine
          Schriften werden somit auch dereinst nach Tausenden von Jahren, im british museum à la
            <ref xml:id="ae3e9307-7765-4331-be93-077765f33181" corresp="#e96cefc8-355e-4504-acef-c8355e8504c1" type="editorialNote">
                     <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0010188 http://d-nb.info/gnd/11715900X">Weber</persName>
                  </ref><note xml:id="e96cefc8-355e-4504-acef-c8355e8504c1" corresp="#ae3e9307-7765-4331-be93-077765f33181" type="editorial">Vermutlich deutscher Historiker
                <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0010188 http://d-nb.info/gnd/11715900X">Georg Weber</persName>.</note> zu
          lesen sein. Wie werd’ ich mich freuen dann! –</p>
            <p>Dein <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/PT9GISVC">Buch</bibl> ist über meine
          Erwartungen ausführlich, und enthält
          <pb/>
               
               prachtvolle
          Stellen. Es wird manche Erwartungen übertroffen haben. Es kömmt mir jedoch vor, wenn Du
          mir erlaubst, mir überhaupt etwas vorkommen zu lassen, wovon es mir u. vielen Andern
          vorkömmt, als verstünde ich selbst nicht recht was vor – daß Dein erster Band der Kritik,
          etwas beißend sarkastischer abgefaßt war, als Dein letztes Werk, welches unstreitig in
          Bezug auf gründliche u. dem Verständniß zweckentsprechende Darstellung, dem ersteren <hi rendition="#u">erhaben</hi> zur Seite steht; daß aber die mehr oder weniger sarkastische
          Schreibart, besonders karakterisirend in Deinen früheren Schriften, trotz dem daß sie mit
          dem Hauptzweck eines rein wissenschaftlichen Werkes absolut nichts zu thun haben kann –
          eine Geschmackssache ist, die dem einen od. dem andern Reiz anthut, kannst Du den Leuten
          nicht verwehren. Es ist überhaupt zuweilen schwer, Form u. Inhalt recht trennen zu können,
          u. für uns ungeübte Leser am schwersten; wir halten uns viel an die Form u. sagen uns: Der
          Mensch lebt ja nicht allein von Fleische, sondern auch von gebackenen Kartoffeln, wenn er
          welche haben kann, wie da geschrieben steht … . Auch that es mir leid, daß Du <ref xml:id="fe26f63d-583f-4ed8-a6f6-3d583f0ed840" corresp="#b4585653-f1f3-4673-9856-53f1f33673b3" type="editorialNote">die Vorrede Deines ersten Bandes der Kritik</ref><note xml:id="b4585653-f1f3-4673-9856-53f1f33673b3" corresp="#fe26f63d-583f-4ed8-a6f6-3d583f0ed840" type="editorial">
                     <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/TRVS3BVD">Karl Marx:
                Zur Kritik der Politischen Oekonomie. Erstes Heft. Berlin 1859.</bibl> S. III–VIII.
                (<bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/RDLJVE6F">MEGA<hi rendition="#sup">2</hi> II/2</bibl>. <bibl type="primary" corresp="https://megadigital.bbaw.de/FVMQ2W9Y">S. 99–103</bibl>.)</note>,
          nicht hast wörtlich in Deinem „Kapital“ abdrucken lassen. Es wäre dieß’ eine famose
          Referenz zu Ersterem gewesen u. enthält Andeutungen die ich für mehr als blos wissenswerth
          erklären möchte. Es geschieht dieß zudem häufig u. mit bei weitem weniger wichtigen
          Vorreden. Deine hat einen Zweck verborgen, den Du besser kennst wie ich –.</p>
            <p>Es ist eine bekannte Sache, wenn Leute gute Köpfe haben, so lesen sie etwas einmal, u.
          wissen es denn. Wenn dieselben Leute aber zufällig schlechte Köpfe haben, wie ich &amp;
            C<hi rendition="#sup">o</hi> so passirt es ihnen, daß sie dasselbe mehrmals lesen müssen
          um es zu verstehen, u. verstehen dann erst recht noch nichts. So ereignet es sich, daß
          meine Lektüre sehr langsam u. undeutlich vorwärts geht. Zum Halbverstehen kann ich mich
          nur sehr schwer entschließen. Ich habe mich aber leider doch zuweilen, während meines
          Studiums dazu hergeben müssen.</p>
            <p>Wenn ich noch das Glück hätte in Deiner lieben Nähe zu sein, wo Du so manchesmal
          einfältige Fragen von uns, gedultig beim glass of ale angehört u. beantwortet hast, so
          würde auch ich wieder manche naive <pb/>
               
               Frage
          zu stellen haben. Da Du aber nicht in meiner Nähe bist, lasse ich alles ungefragt, u.
          lasse lieber einen Andern fragen. Wenn daher ein Anderer z.B. früge wie folgt, u. ich
          sollte antworten, wie nicht folgt, so wär’ ich in der Klemme: – silence! – – – –</p>
            <p>„It is a <expan>k<ex>n</ex>own</expan> fact, daß in der Methote <hi rendition="#u">alles</hi> liegt; therefore liegt auch was ich sage drin … . Was ist am Ende des Endes
          ein <hi rendition="#u">Tauschwerth</hi>? Nichts als ein <hi rendition="#u">Phantom</hi>!
          Er besteht blos im Kopfe der Menschen, wie der Punkt des Mathematikers, als Ort ohne alle
          Ausdehnung, allein in seinem Kopf’ besteht. Er hat kein physisches, kein wirkliches
          Dasein. Wenn der Schuster einen rechten Stiefel in <hi rendition="#u">einem</hi> Tage
          macht, u. den nächsten einen linken, so wird er sich natürlich sagen, daß sein zweiter
          Stiefel denselben Tauschwerth hat, wie sein erster Stiefel – vorausgesetzt daß am linken
          nicht ein schlechtes Ende Leder stickt. Aber laßt ihn blos seinen Stiefel mit seines
          Nachbarschusters Stiefel vergleichen wollen, so wird auch augenblicklich die
          unbeantwortliche Frag’ entstehen: <hi rendition="#u">Wessen</hi> Schusters
          Stiefelarbeitszeit, war die mittlere gesellschaftliche Arbeitszeit? Es wird nie zu
          bestimmen sein, u. während Beide noch den Rang sich streitig machen, hat schon das Rad der
          Zeit gerollt, u. keiner von den Beiden mehr hat Recht. Ein solches Ding ist demnach <hi rendition="#u">unerkennbar</hi>! Eine Sache aber, die weder mit eines jeden Menschen
          einzelnen 5 Sinnen, u. selbst mit der combination der 5 Sinne, dem Verstande, unerkennbar
          ist, besteht für die Menschheit nicht – ist ein Phantom, ihr Studium gehört der Metaphisik
          an. Ebenso der <hi rendition="#u">Marktpreis</hi>. Er ist ein revenant! Sein Körper gehört
          nie unserer Gegenwart, blos einzig der Vergangenheit nun an! Was ist der Werth meines
          Rockes auf dem Weltmarkt?“ – „So viel als <hi rendition="#u">alle</hi> Röcke des Marktes,
          weniger <hi rendition="#u">alle Röcke weniger dem Meinen</hi>. Wenn alle Röcke <hi rendition="#u">viele</hi> sind, so hat er wenig Werth, wenn alle Röcke wenig sind, so
          hat er vielen Werth. Dazu kömmt noch, daß er nie einen bestimmbaren Werth <hi rendition="#u">hat</hi>, sondern ihn blos <hi rendition="#u">gehabt haben</hi> kann, u.
          in dem Augenblicke, indem ich 40 Schillinge dafür in meiner Hand <hi rendition="#u">blos
            fühle</hi>, nehm’ ich ihn schon für <ref xml:id="c1ddcb08-bf0c-45e6-9dcb-08bf0c35e678" corresp="#ad75d7dc-6a10-471e-b5d7-dc6a10271e79" type="editorialNote">40’ bob</ref><note xml:id="ad75d7dc-6a10-471e-b5d7-dc6a10271e79" corresp="#c1ddcb08-bf0c-45e6-9dcb-08bf0c35e678" type="editorial">“bob“ = umgangssprachlich für shilling, der hier in Doppelung
              zugleich mit einem Apostroph wiedergegeben
              wurde.</note>
          nicht mehr zurück. Also der Marktpreis auch, hat blos gelebt in längst vergangnen Zeiten,
          u. so umringt von schlotternden Gespenstern, clamirt <hi rendition="#u">Vergangenheit</hi>
          darum allein das Recht, den Werth des Arbeiters bemessbar zu bestimmten! </p>
            <p>
               <pb/>
               
               Nehmt
          an darum, wie folgt: Das ganze Lebensarbeitsvermögen eines Arbeiters, der im Durchschnitt
          32 Jahr alt wird, mit 12 Jahr angefangen hat, u. während 20 Jahren 10 Stund per Tag sich
          abgerieben hat, ob per Stund bezahlt, per Monat oder Jahr, bleibt sich doch gleich –
          betrüge sagen wir: 62 400 Stunden. Der Kapitalist hätte mit 1000 £ klein angefangen, hätt’
          während 20 Jahren 100 Arbeiter ausgeschunden, u. damit 100 000 £ friedlich bei Seit’
          gelegt. Was <hi rendition="#u">war</hi> der volle Werth, der ganzen Lebenszeit, eines
          einzelnen Arbeiters? Antwort: (100,000 £ + <expan>Totalau<ex>s</ex>gabe</expan> für
          20 Jahren der unentbehrlichsten Lebensmittel im weitesten Sinne der gesammten Arbeiter,
          +
          dem über den unentbehrlichsten Lebensmitteln von dem Kapitalisten verausgabten depenses
          personnelles, + den frais generaux de l’exploitation, im weitesten Sinne, + usure du
          materiel – 1000 £) getheilt durch 100. Wenn dieses eine kalkülable Summe wäre – u. dieses
          könnte sie sein wenn man wollte – so müßte sie, wenn der Arbeiter während seiner
          Lebenszeit seinen Werth für seine Arbeit bekommen hätte, genau mit dem von ihm bezogenen
          Lohne übereinstimmen. Thut sie das nicht, so hat der Kapitalist dessen Werth nicht
          bezahlt, d.h. hat ihn um x Pfunde beschummelt. Dieses {x} nennt der Kapitalist Profit, der
          Arbeiter nennt ihn Diebstahl. Die Frage steht in ihrer einfachsten Einfachheit: ist es das
          eine od. das andere. Da die Sache in dieser Form, blos eine <hi rendition="#u">reine
            Gefühlsfrage</hi> ist, so kann sie auch schließlich blos mit Stockprügeln entschieden
          werden. Ich frage darum ferner (mein Individuum spricht immer, wenn er nonsense spricht,
          geht’s mich nichts an) warum zieht Karl Marx vor, warum hält er so unendlich viel darauf,
          die kapitalistische Exploitation so darzustellen, daß eigentlich der Kapitalist dem
          Arbeiter seinen <hi rendition="#u">vollen</hi> Werth für seine Arbeit gibt, u. daß blos
          der Schwanz des Tages von x Länge den surplus Werth der nicht bezahlt u. in Folge dessen
              <expan>gesto<ex>h</ex>len</expan> ist <supplied cert="high">zu</supplied>
          constituiren. Welches Interesse hat unsere Parthei dabei, ob dargestellt auf eine Art, ob
          dargestellt auf andre? –</p>
            <p>Mein Individuum, welches nebenbei gesagt, häufig dummes Zeug schwätzt, fährt fort, u.
          sagt: Marx behauptet daß die Geschichte der Völker beweißt, daß keine Gesellschaftsform
          eine <hi rendition="#u">ewige</hi> war und
          <pb/>
               
               daß
          es schon deßwegen nicht unmöglich ist, daß auch die Capitalistische, die heutige
          Gesellschaftsform in’s Gras beißen muß. Ich sage: In <hi rendition="#u">allen</hi>
          Gesellschaftsformen war, u. <hi rendition="#u">ist</hi> immer der Werth eines mittleren
          Arbeiter’s <expan>Arbeitsvermögen<ex>s</ex>
               </expan>, während seiner ganzen Lebensdauer
          gleich gewesen: Ankaufskosten + Erhaltungskosten + Begräbnißkosten. Alle aber sind im
          weitesten Sinne zu nehmen, und letztere besonders schließen auch Krankheitskosten ein, da
          die Maniren zu sterben u. sich begraben zu machen sehr verschiedenartig sein können. Diese
          Gesammtsumme stellt sich zu verschiedenen Epochen der Geschichte in einer Masse Varietäten
          dar. Im Sklaventhum z. B. treten die beiden ersten am deutlichsten, wie jeder weiß hervor.
          Das letzte Glied die Erhaltungskosten waren so eng verschlungen, daß wenn er zu krank
          wurde um arbeiten zu können, er nichts mehr zu essen bekam u. so sich genöthigt sah, sich
          selbst zu begraben so schnell wie möglich. Im mittelalterlichen <ref xml:id="c33559f7-53c9-4509-b559-f753c98509cb" corresp="#e7f70dcc-1268-4446-b70d-cc1268544627" type="editorialNote">Serfthum</ref><note xml:id="e7f70dcc-1268-4446-b70d-cc1268544627" corresp="#c33559f7-53c9-4509-b559-f753c98509cb" type="editorial">serfdom.</note> ist die Sache schon mehr versteckt: Der
          Ankaufspreis, obgleich auch für das <hi rendition="#u">ganze</hi> Leben gültig, stickt
          meistens mit in dem Werth des Grundeigenthums u. verschiedenartiger bezahlter, mit
          klingender Münze od. verlangten Schmarotzerdinsten, Concessionen. Um sich zu erhalten u.
          zu begraben, wieß man ihm gewisse freie Tage an, u. hatte somit vom Standpunkt des
          Grundbesitzers, den Fortschritt gemacht, weniger einen Tadel sich zukommen zu lassen, wenn
          sich einer schlecht erhielt u. begrub.</p>
            <p>In moderner Bürgerlicher Gesellschaft ist der erstere, der Ankaufspreis am schwersten zu
          erkennen. Ein Beweis davon, daß die Arbeiter den Titel: ‚freie Arbeiter‘ – sich haben so
          lange gefallen lassen. Er stickt ganz in den Geldausgaben die der
            <expan>B<ex>o</ex>urg</expan>
               <ex>e</ex>ois sich macht u. machen läßt, u. den
          Verpflichtungen die ihm Zeit u. Geld kosten, zur Aufrechthaltung der von ihm selbst u. zu
          seinen Zwecken fabrizirten u. noch in der Zukunft zu fabrizierenden Gesetzen. Indem der
              <expan>bourg<ex>e</ex>ois</expan> Abgaben, milde Gaben, Studien macht um Mitglied des
          Parlaments zu werden u.s.w. – alles sehr kostspielig – erhält er dagegen das Recht über
          seine Arbeiter ganz so zu verfügen wie der Sklavenhalter, nur mit dem Unterschiede daß der
          Sklave Hans zuweilen von dem Sklaven Kunz verschoben wird, während in den älteren Formen
          diese Verschiebungen weniger möglich waren. Die Sache ist dieselbe.
          <pb/>
               
               Überreste
          u. Durchschimmerlöcher des Ankaufspreises bestehen jedoch sogar heute noch in Deutschland
          in dem sogenannten <hi rendition="#u">Draufgeld</hi> das man den Dinstmädgen und
          Hausknechten gibt, u. für welches dieselben für 3 Monate gebunden sind, und dem in
          Frankreich so üblichen, und auch wahrscheinlich anderwärts bestehenden ‚à compte‘ den der
          Fabrikant od. Herr seinen Arbeitern vorstecken läßt, damit sie essen können, bis zum
          Zahltag. Ebenso das Werbergeld der englischen Armee. Daß in letzteren Fällen das Geld
          vorläufig in die Hände der Verpflichteten kömmt, während in der älteren Form der Sklaverei
          dieses selten geschah, bleibt ohne Einfluß. In den beiden Fällen war der gekaufte <hi rendition="#u">verbunden,</hi> u. in keinem Falle hatte er die Mittel den Ankaufspreis
          fest zu halten. Er verflackerte. Wenn aber die Sklaverei eine ewige Form der Gesellschaft
          bisher war, so ist die Möglichkeit durch die Geschichte nicht ausgeschlossen, daß sie es
          bleiben wird. Daß momentane, convulsif revolutionaire Momente, bei den alten Griechen u.
          Römern (Sklavenausbrüche) im Mittelalter in den Bauernkriegen, in unseren modernern
          Revolutionen bis vor Kurzem, sich Luft machen konnten, ist bekannt; daß dieselben
          wiederholbar sind, ist ausser Zweifel; daß dieselben
            <expan>mik<ex>r</ex>oskropische</expan> Besserungen zuweilen bringen, ist ebenfalls aus
          der Völkergeschichte ersehbar; aber schwer daraus zu folgern wäre: daß das heutige Regim
          einst fallen <hi rendition="#u">muß</hi>, trotz allen meinen Wünschen. – – – Mein liebes
          Individuum ist jetzt müde u. geht zu Bette, und Du bist froh. Doch halt! Eines hat er noch
          fragen wollen: Nehmen wir z.B. eine Masse Dinge an; annehmen kostet nichts, wenn es keine
          Schulden sind, u. zudem sind meine Annahmen nicht unmöglich: Alle Industrie sei in
          10 Hände in ganz Europa vereint. Diese 10 Kapitalisten kommen durch gegenseitige Konkurenz
          so weit, daß sie sensibel die Waare für ihren Produktsionspreis an das Publikum, das die
          Arbeiter natürlich wären, lieferten, d.h. daß ihr Profit so klein wäre, daß er als ein
          Minimum als Null zu betrachten wäre, wie dieß’ annährend schon heutzu Tage in einigen
          Industriezweigen der Fall ist, wie z.B. in der Eisenfabrikation in Frankreich (maitre de
          forge) Möbelfabrikation, Pianoforte-Fabrikation, u. theilweise in der <hi rendition="#u">gemeinen</hi> schweizer u. englischen Uhrenfabrikation. </p>
            <p>
               <pb/>
               
                In
          diesem Falle könnte Niemand behaupten, daß der Kapitalist nicht den Werth der Arbeit gebe;
          die Arbeit wäre blos nichts werth, und ihre Rolle, wie immer beneidenswerth sie heute sein
          kann, wäre ohne Bedeutung. Nichtsdestoweniger schlösse dieser Zustand der Gesellschaft,
          wie jeder leicht einsieht, keineswegs die Möglichkeit einer Krise aus, eine Hungersnoth u.
          alle die bekannten jetzigen Geißeln der Völker. Alle Mittel der Produktion wären da, <hi rendition="#u">dazu noch conzentrirt</hi>, die Münze wäre da, die Waaren zirkuliren zu
          machen, die Erzeuger wären da, die Liebhaber der Erzeugnisse u. dennoch die Möglichkeit
          der Noth. Es scheint mir als ob der Kapitalist, als Privatspekulator – und das wird er
          immer sein, welche Form er auch schließlich annehmen mag – die einzige Geschwührbäule der
          Gesellschaft nicht ist. –</p>
            <p>Jetzt geht er aber in’s Bett for good. –“</p>
            <p>Ich bin, denn man muß sich nicht selbst vergessen, gesund u. munter.</p>
            <p>Die Geschäfte liegen gänzlich darnieder u. wir haben keinen Streich zu thun. Den Sommer
          über hatten wir etwas Arbeit, u. ein Bischen Geld verdient – jetzt fressen wir es
          gemüthlich wieder auf. So ist doch wenigstens nichts verloren. Man glaubt Hier allgemein
          an den Krieg im Frühjahr mit Deutschland, u. ich glaubs auch. Die Noth u. Armuth ist so
          groß Hier, daß wenn Du nicht in London lebtest, ich Dir abstreiten würde, daß Du Dir eine
          Idee davon machen kannst. Um ½ 6 Uhr des Abends hat man vor 14 Tagen einen auf einer sehr
          frequentirten Brücke des Canals, beraubt u. in’s Wasser geschmissen. Die Arbeiter kommen
          Schaarenweise u. jammern um Arbeit. Wenn der Krieg den <ref xml:id="ab94b3f1-ebc6-4628-94b3-f1ebc6f62844" corresp="#c0739821-32a4-4cd4-b398-2132a45cd4bf" type="editorialNote">
                     <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0008553 http://d-nb.info/gnd/118586416">Louis</persName>
                  </ref><note xml:id="c0739821-32a4-4cd4-b398-2132a45cd4bf" corresp="#ab94b3f1-ebc6-4628-94b3-f1ebc6f62844" type="editorial">
                     <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0008553 http://d-nb.info/gnd/118586416">Napoléon III</persName>.</note> nicht
          rettet, muß er fallen – er ist den Umständen nicht mehr gewachsen.</p>
            <p>Was machst Du und Deine liebe Familie? Ich betrachte immer noch, wenn ich des Abends so
          zufällig ‘mal späth nach Hause komme, und Todtenstille in meinem einsamen Quartiere um
          mich herrscht, so ganz heimlich u. verstohlen Eure lieben Portraits, u. denke an
          vergangener Zeiten verflossene Wonnen. So vergeht das Leben.</p>
            <lg type="poem">
               <lg n="">
                  <l>Wie der Wind weht, </l>
                  <l>so biegt u. knickt das Reiß, </l>
                  <l>Wie die Sense mäht – </l>
                  <l>So stürzt u. stirbt das Reiß.</l>
               </lg>
            </lg>
            <p>Lebt alle alle recht wohl und gedenket zuweilen Eueres, nie seine Freunde
          vergessenden</p>
            <closer>
               <signed>Ch. Kaub.</signed>
               <salute>Viele herzliche Grüße an <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0002740  http://d-nb.info/gnd/11857213X">Lessner</persName> u. <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0006462 http://d-nb.info/gnd/122016599">Eccarius</persName>.<lb/>a marry Christmass! </salute>
            </closer>
         </div>
      </body></text>
</TEI>