| Genf den 7 October 1867

Werthe Freundin!

Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre lebhafte Korrespondenz, die ohne telegraphisch zu sein, doch elektrisch wirkt & mich durch’s Feuer jagt. Die Adresse Bakunin’s habe ich eben aufgetrieben; das Löwenhaupt wohnt rue Bradier Pradier No 3 à Genève.

Das Buch unseres Freundes habe ich dieser Tage erhalten – für mich ein Heiligthum & für die Welt ein Schatz. Leider hat mir der Strudel von Plakereigeschäften für die Association kaum Zeit gelassen ernstlich hinein zu blicken. Das ist bitter, wenn man voll Lust, ja Sucht, ist, es ganz zu verschlingen & sich auch stark genug fühlt es zu verdauen. Indessen werde ich Ihren gastronomischen Rath befolgen, die bezeichneten Artikel zuerst einnehmen & die übrigen als Nüsse & Mandeln zum Nachtisch knacken – & auch in Abwechslung & zur Erfrischung meines Humors den Herrn Bourgeois an den Kopf werfen.

Ueber den Gang des Friedenskongresses war ich innerlich ganz entzückt, so zürnerisch ich auch äusserlich darüber that & thue. | Die internationale Friedensliga ist das beste Mittel, um den alten politischen Parteien von schleichender zu galopirender Schwindsucht & stillem Grabe zu verhelfen, freies Feld für gesunde Entwicklung zu erhalten. Also vorwärts Herrn demokratische Weltbürger! lasst noch einmal auflodern euer letztes Lebensflämmchen & strebt den Tod für alle Vaterländer! Mit Ansetzung von Schreppköpfen & Auflegung von Zugpflastern werden wir euch die Erfüllung eurer Mission beschleunigen! – Es ist oft kein Spaß, gute Freundin, wie man zu weilen sich im praktischen Leben dumm stellen muß, um der Dummheit mit Anstand zur Glückseeligkeit zu verhelfen.

Noch muß ich Ihnen & zur Mittheilung an Freund Marx mein Herz ausschütten & sagen, daß ich mit dem Ablaufe dieses Jahres sowohl die Redaktion des „Vorboten“ als die Präsidentschaft des Zentralkomites der SektionsGruppe deutscher Sprache aufgeben werde. Weder körperlich noch ökonomisch kann ich diese Stellungen länger aushalten: ökonomisch nicht weil ich nun seit drei Jahren keine Stunde für Besorgung meiner Privatverhältnisse erübrigen kann, ja auch noch meinen jüngsten Sohn fur die Arbeiten der Association in Anspruch nehmen | muß; körperlich nicht, weil ich nicht länger, als es menschenmöglich ist, entbehren & ein unabänderliches Naturgesetz umgehen kann & auch ein friedlicheres Leben im Schooße meiner Familie herstellen möchte. Hier stehe ich ganz allein & schaffe Alles allein, selbst die einfachsten Arbeiten & ist am allerwenigsten das „Zeug“ für ein Zentralkomite, das in Wahrheit funktioniren kann, vorhanden. Die Verdrießlichkeiten, die mir zuweilen maulwurfsmäßig durch einige Arbeiter, welchen Vogt gefällig zu sein die Politik hat, würden mich nicht abschrecken, sondern eher anspornen die Stellung bei zu behalten. Die Redaktion des „Vorboten“ allein wär mir Spielerei & würde mich nicht weiter geniren aber die stündliche Korrespondenz, die man immer noch vermehren muß, wenn man die Sache ausdehnen & sie recht machen will, die Expedition, Verwaltung & Leitung von Allem sind es, die mein ganzes Dasein absorbiren, so daß ich seit Jahr & Tag weder Zeit fand mit meiner Familie einen sonntäglichen Spazirgang zu machen, oder nur ein Bad zu nehmen. Die Mittel zur Zahlung der Stellungen bringen die Arbeiter noch nicht zusammen & wenn sie dieselbe auch zusammenbringen würden, so stehen sie für mich noch lange nicht auf dem Standpunkt, daß man ohne drückendes Gefühl, ohne sich selbst zu vernichten, eine Zahlung | annehmen kann. So bin ich in der peinlichen Situation ein Kind verlassen zu müssen das noch nicht laufen kann, dem ich aber nicht länger zu helfen(?) vermag. Verschiedene Pläne der Sache in anderer Weise fortzuhelfen sind gescheitert. Vergeblich hoffte ich Theodor Remy von Eupen hierherzubringen. In Zürich, wohin ich dachte den Zentralsitz zu verlegen, finde ich Niemand, der die rechte Initiative, Energie & ausdauernde Arbeitskraft hätte und auch prinzipiell in der Wolle gefärbt wäre. Dieser Tage wandte ich mich berathungsweise an Liebknecht, Bebel & s. w. in Leipzig, wo der Zentralsitz & Vorbote gut plazirt wären, wenn nicht die Polizeistaaterei im Wege stünde. Was ist aber zu machen? Freund Marx soll hier Rath geben.

Hätte ich eine Geheimräthin & Sekretärin wie Freund Marx an Herz & Hand, dann würde ich es wohl auch aushalten können bis an’s Ende der Welt, so stehe ich aber am – Oehlberg.

Im „Vorboten“ mehr!

Inzwischen seien Sie samt Ihrer
ganzen Familie herzlich gegrüßt

Joh Ph Becker

Bitte gelegenheitlich auch Grüsse an Borkheim, Eccarius & Lessner auszurichten.  |

 

Zitiervorschlag

Johann Philipp Becker an Jenny Marx in London. Genf, Montag, 7. Oktober 1867. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00375. Abgerufen am 19.07.2019.