| Bern den 27sten Aug. 1867
Bernerhof.

Lieber Marx,

Von Paris habe ich Ihnen am 5ten d.M. geschrieben. Hiermit schicke ich Ihnen Kopie meines heutigen Briefes an Becker, die Sie mir gefälligst so schnell wie möglich hierher, nach oben bezeichnetem Gasthof einsenden wollen; oder halt! besser ist es, Sie senden sie und schreiben mir unter Kouvert an

Herrn Schabelitz

nahe dem Polytechnikum

Zürich.

Nun werde ich Ihnen einige Gedanken zuflüstern, wie sie mir als Grundlage für meine Pauke dienen sollen.

Einleitung:

Zur Aushauchung idyllischer Friedensseufzer, nehme ich an, ist man nicht zusammengekommen.

Bei reeller Thätigkeit darf man es verschmähen, die Agitation für „Frieden“ als Handhabe gegen irgend eine einzelne Regierung des westlichen und Mitteleuropas zu verwerthen.

Ernste Handlungsweise wird alle Regierungen für den status quo gegen möglichen „Frieden“ ins Feld führen.

Auf Verfolgungen der vereinigten Regierungen muß man gefaßt sein. 

| Haupsatz

Bei der gleichen Kulturhöhe in West- und Mittel-Europa ist nicht zu begreifen, wie man sich für sogenannte „Grenzberichtigungen“ schlagen kann.

Hauptaugenmerk ist auf die ökonomischen Einrichtungen zu lenken. Wird jeder Mensch von Jugend auf in den Waffen geübt, so sind die stehenden Heere überflüssig. Der dadurch erzielte Arbeitsgewinn ist auf die Vermeidung von Übervölkerung, auf Vertheilung des Überflusses an Bevölkerung in unbevölkerte Gegenden der bekannten Erde zu verwenden.

Eine einfache Diskussion ökonomischer Nothwendigkeiten wird die assets bestimmen.

Es sind nur die „Besitzenden“ die solche Friedensgedanken zu verhöhnen, die Dummheit, besser Frechheit haben.

Allerdings ist nicht zu leugnen, daß durch eine Besprechung der allgemeinen Angelegenheiten in einem Rathe von Vertretern West- und Mitteleuropas, der Besitz, wie er jetzt besteht, in Gefahr geräth.

Wie einst die Anhänger des status quo in England auf das franz. Königthum, | die des status quo in Frankreich nach England, Preußen, Österreich, Rußland guckten, die schweizerischen Sonderbündler auf die heilige Alliance, die reaktionären Italiener auf Spanien, die ditto Deutschen auf Rußland, so erwarten nun die sämmtlichen Dunkelmänner Europas ihr Heil von Rußland.

Rußland ist barbarisches Land. Man erhält sie leichter dadurch unter der Fuchtel, daß man ihnen stets die Hoffnung läßt auf die Ausplünderung des Westens und Südens.

Die Sklavenemanzipation stellt nicht mit einem Male Rußland in dieselbe Kategorie der Kultur mit West- und Mittel-Europa.

Die Eroberungen in Asien vergrößern nur die Anzahl der Soldaten gegen Europa.

Es kann Niemandem ernstlich einfallen, Rußland, wo es noch auf Generationen hinaus unbebautes Land für Hunderte Millionen giebt, von vornherein in den Bund der Vereinigten Europäischen Staaten aufzunehmen.

Es ist ein Werk der Menschlichkeit, die Russen zu zwingen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Es werden ihnen | die Reibungen auf philosophischem Gebiete wohler thun, als der übrigen Welt die Einführung der einen orthodoxen Religion, die von vielen Advokaten Rußlands als einziges Heilmittel für die übrige verfaulte Welt angepriesen wird. Diejenigen Russen, welche es nicht wagen oder auch vielleicht nicht der Ansicht sind, daß man nothwendigerweise erst dann glücklich, wenn die russischen Lämpchen überall glühen, behaupten, daß das Heil nur von dem noch jungen Russenvolke – wo es paßt wird auch Slave im Allgemeinen gesagt – kommen kann. Mit der einfachen Urbarmachung ihres eigenen Landes – vide Haxthausen – sollten sie sich jedenfalls erst selbst glücklich machen. Was das übrige Europa Bemerkenswerthes geleistet, ist hauptsächlich geleistet worden seit der Religionszersetzung u.s.w. u.s.w. ad infinitum, wenns beliebt.

Es ergiebt sich hiernach von selbst, daß die Hauptfrage in Europa nur die russische ist, und es ist unmöglich, an eine Anbahnung stetig friedlicher Zustände zu denken ohne eine Gesammterklärung an Rußland daß das übrige Europa sich jeder weiteren Vorwärtsbewegung in Europa mit den Waffen widersetzen wird.

| Die russische Thätigkeit ist nur eine modernisirte Hunnen-Mongolen-Türkenwanderung. Sage man dem russischen Volke, daß, wenn sie ihre Regierung nicht veranlassen können Ruhe zu halten, das übrige Europa gezwungen sein wird, die Kreuzzüge ins Moderne zu übersetzen, sie zuvörderst durch eine Militairgrenze vom Baltischen Meere bis zum Schwarzen abzusperren.

Ist eine Regeneration der Türkei nöthig, so hat sie vom übrigen Europa aus zu geschehen – ohne Rußland.

Die Behauptung, daß ein noch vergrößertes Rußland uns zu gefallen, zerfallen müsse, ist reinweg dämlich.

Ja sogar dem weiteren Vordringen in Asien müßte sich Europa und Amerika zusammen widersetzen, denn es ist jedenfalls vorzuziehen, daß Asien europäo-amerikanisirt als daß es orthodox russifizirt wird.

Es drängt sich nun von selbst auf, daß man aufhören muß, die russische Sprache zu vernachlässigen. Es ist Kretinismus, einen Nachbar von Hundert Millionen zu haben, dessen Sprache man nicht lernen will. Mit der Popularisirung der russischen Sprache in Europa, erhält die sogenannte diplomatische | Weisheit einen einzigen derben Vernichtungs-Faustschlag.

Wenn ich nicht von Polen spreche, so geschieht es, weil ich durchaus den rein europäischen Standpunkt festhalten will.

Ich bin für die Losreißung Polens von Rußland, die aber ohne Übereinstimmung des übrigen Europas nicht möglich ist.

Ist es wohl anzunehmen, daß Amerika sich auf Seite Rußlands stellen wird. Das nehme ich nicht von den Yankees an und dann ist das stets anschwellende deutsche Element nicht zu vergessen.

Schluß

Meine Anträge.

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Hieraus, mit Anmerkungen von Ihnen und Engels wird es mir leicht sein, eine lange oder eine kurze Pauke zu halten. – Nur bitte ich um schnelle Einsendung! – Herzliche Grüße von mir und meiner Frau an Sie und die liebe Frau und Kinder.

Der Ihrige
B.

| Vorstehendes habe ich sehr eilig niedergeschrieben. Nach Durchlesung scheint es mir der Überlegung werth, ob eine in solchem Sinne gehaltene Pauke mir nicht Unannehmlichkeiten mit den französischen Behörden schaffen kann. Dadurch würde ich nicht nur mir persönlich schaden, sondern auch der Sache selbst, indem ich mir materielle Schwierigkeiten bereite, ihr zu nutzen. Im Nothfall kann ein Andrer die Rede ablesen und in der Diskussion kann ich ihm helfen.

B. |
 

Zitiervorschlag

Sigismund Ludwig Borkheim an Karl Marx in London. Bern, Dienstag, 27. August 1867. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00332. Abgerufen am 23.07.2019.